Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 67, September 2006 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/50.ausgabe-67-september-2006.html

Indien: Endlich ein Land der Gegenwart?

Radhika Desai

Brasilianer kennen die Redensart, dass „Brasiliens glänzende Zukunft immer Zukunft bleibt“. Das sei aber dieses Mal ganz anders, beteuert Luiz Fernando Furlan, der brasilianische Minister für Entwicklung, Industrie und Außenhandel: „Im nächsten Jahrzehnt werden wir das Land der Zukunft sein.“

(Peter Day, Das neue Gesicht der Weltmächte, BBC News)

Brasilien ist nicht das einzige Land, das darunter leidet, eine glänzende Zukunft, vielleicht eine ruhmreiche Vergangenheit, aber immer eine erbärmliche Gegenwart zu haben. In diesem Zustand, Unterentwicklung genannt, verharren immer noch drei Viertel der Weltbevölkerung, nach mehreren Jahrhunderten Kapitalismus und vielen Jahrzehnten Entwicklung. Das Wort ‚Unterentwicklung’ und die diese erklärenden Theoreme – Abhängigkeit und Imperialismus – sind nicht aus dem Diskurs der Sozialwissenschaften verschwunden. Sie waren zwar niemals Teil des Mainstream, spielten in den 1960er und 1970er Jahren aber eine erhebliche Rolle als Kritik an den orthodoxen Modernisierungstheorien: Diese behaupten, dass freie Märkte und der ungehinderte Fluss von Waren und Kapital Entwicklung erzeugten und Rückständigkeit beendigten. Die Dependenztheorien dagegen bestanden darauf, dass Unterentwicklung (nicht Rückständigkeit) das Ergebnis eben dieser Politik sei. In den letzten drei Jahrzehnten, in dem Maße wie neoliberale und rechte Positionen an Gewicht gewannen, wurden unter verschiedenen Vorwänden Debatten über Imperialismus, Abhängigkeit und Unterentwicklung an den Rand gedrängt.

Da war zunächst die rasche Industrialisierung der vier asiatischen ‚Tigerstaaten’ in den 1970er Jahren, deren Erfolge weitgehend Staatsinterventionismus und jenen günstigen äußeren Bedingungen zu verdanken ist, welche diese Länder wegen ihrer Rolle im ‚Kalten Krieg’ der Systeme genossen.[1] Die Entwicklungsliteratur befasste sich in der Folge vor allem mit der Frage, ob und ggf. welche Schlussfolgerungen daraus für die Industrialisierung der Dritten Welt gezogen werden könnten.[2] Dabei wurde meist übersehen, dass die relative Autonomie dieser Staaten in hohem Maße das Produkt ihrer Rolle als militärische Verbündete der USA zu verdanken war.[3] Dann kam die Schuldenkrise und das ‚verlorene Jahrzehnt’ der 1980er Jahre. Während dieser Zeit ging der Trend in praktisch allen Ländern der Dritten Welt in die neoliberale Richtung, getrieben durch die Strukturanpassungspolitiken der internationalen Entwicklungsagenturen. Am Ende dieses Jahrzehnts waren diese jedoch gezwungen, dem Staat wieder eine gewisse Rolle im Entwicklungsprozess einzuräumen.[4]

In der folgenden Dekade hob die Flut der Globalisierung – ein anderer Name für neoliberale Politik – alle ‚Boote’, selbst die verrotteten. Während wenige, schwache Stimmen darauf hinwiesen, dass es sich bei der Globalisierung um eine neue Form des Imperialismus handele und die globalisierungskritische Bewegung entstand, waren diese doch nicht stark genug, den neoliberalen Diskurs zu übertönen. Es war vielmehr der 11.Sepember 2001, der dazu beitrug, das imperialistische Element des Globalisierungsdiskurses zu verdeutlichen: Für viele gewann der Begriff des Imperialismus nun einen positiven Gehalt in Form der ‚Verantwortung’ der Weltgemeinschaft, vor allem der USA. Kann einerseits der erneute Bezug auf den Imperialismusbegriff begrüßt werden, so ist doch darauf hinzuweisen, dass dieser nun eine andere Bedeutung hat als im Kontext der Dependenztheorie. In den 1960er Jahren bezog sich der Terminus auf die Gesamtheit jener (sowohl ökonomischen wie politischen) Mechanismen, die den Transfer von Ressourcen von Süd nach Nord sicherten und die Dritte Welt somit in einem permanenten Zustand der Unterentwicklung hielten. Trotz begrifflicher Unklarheiten hatte die Dependenztheorie das Verdienst, Entwicklung und Unterentwicklung in den Kontext der jeweiligen Gestalt des kapitalistischen Weltsystems und seiner historischen Etappen zu stellen. Wenn der Begriff des Imperialismus heute hauptsächlich offene Formen der politischen und militärischen Kontrolle über Teile der Dritten Welt bezeichnet, die vor allem von den USA ausgeübt wird, dann ist das eine Verengung seines theoretischen Gehalts.

Die Mainstream-Diskurse zu Rolle und Aussichten der Dritten Welt – Neoliberalismus, Globalisierung, neuer Imperialismus – haben sicherlich – im Sinne Gramscis dazu gedient, die spontane Zustimmung der Massen zur generellen Richtung der Politik der herrschenden Klassen zu sichern.[5] Dies trifft ebenso für die neueste Debatte über die Rolle der BRIC-Ökonomien und ihre wachsende weltwirtschaftliche Bedeutung zu. Denn diese Debatte beschreibt nicht einfach nur die neuen Quellen wirtschaftlichen Wachstums in der Welt: Sie zeigt den politischen und ökonomischen Führern der Ersten Welt, wo neue Verwertungsmöglichkeiten liegen, und den politischen und ökonomischen Führern der Dritten Welt, was sie zu tun haben, um sich die zu erwartenden Früchte zu sichern.

Jede der „Entwicklungstheorien“, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ablösten, war jeweils marktfreundlicher und unsozialer als die vorhergehende.[6] Dabei geht der BRIC-Ansatz aber weiter: Er festigt und verstärkt den neoliberalen Politiktrend.

Indiens Wirtschaftspolitik ist – ähnlich wie andere Länder, aber eher mit Verspätung – auf den neoliberalen Kurs eingeschwenkt. Der Mainstream-Debatte zufolge – sowohl international wie in Indien selbst – ist es diesem Richtungswechsel zu verdanken, dass Indien zum ersten Mal in der Geschichte ein hohes Wirtschaftswachstum verzeichnet. Die BRIC-Diskussion verstärkt dieses Vorurteil, wobei die historischen und institutionellen Besonderheiten des Landes, insbesondere mit Bezug auf die Demografie, übersehen werden. Tatsächlich hat aber jedes der vier BRIC-Länder seine spezifischen unvergleichlichen geschichtlichen Bedingungen. Angesichts ihres Bevölkerungsreichtums bezieht sich die BRIC-Debatte vor allem auf China und Indien. Obwohl Indiens quantitativer Wachstumsbeitrag geringer ist als jener Chinas (wobei allerdings die indischen Statistiken verlässlicher sind), gilt dem indischen Fall besondere Aufmerksamkeit, bestätigt er doch eher als China die unterstellte Vorteilhaftigkeit marktwirtschaftlicher Reformen.

Im Folgenden untersuche ich zunächst die Aussagen der aktuellen BRIC-Debatte. Ich analysiere dann die Wachstumsgeschichte Indiens im letzten Jahrhundert, insbesondere jene der zweiten Hälfte (einschließlich der letzten Jahre) und die politischen Umstände, unter denen der Kurswechsel in Richtung auf Liberalisierung vollzogen wurde. Ein detaillierter Blick auf das letzte Jahrzehnt, in dem liberale Politikansätze konsequent umgesetzt wurden, macht deutlich, wie dadurch Wachstumstempo und Wachstumstyp in den Schlüsselbereichen der Wirtschaft geprägt und wie die Beziehungen Indiens zur Weltwirtschaft umgestaltet wurden.

Der Artikel wird im Kern zeigen, dass die (immer noch bescheidenen) Voraussagen zu Indiens zukünftigem Wohlstand im Rahmen der BRIC-Debatte auf irrtümlichen Annahmen sowohl bezüglich der indischen als auch der Weltökonomie beruhen.

Bric-à-Brac: Indischer Trödelkram

„Seid Ihr bereit?“ fragen Dominic Wilson und Roopa Purushothaman nach Fertigstellung der Liste umwerfender Prognosen und Projektionen für die Weltwirtschaft der nächsten 40 Jahre. Wenn man sich allerdings genauer ansieht, was der inzwischen legendäre Sensations-Bericht,[7] der das BRIC-Thema in die Entwicklungsdebatte eingeführt hat, tatsächlich aussagt, dann beschleicht einen doch das Gefühl, dass die vorgebliche Verwegenheit der Aussagen ein bisschen übertrieben ist.

Prima facie wird als besonders alarmierend festgestellt, dass – wenn alles gut geht – die BRIC Ökonomien zusammengenommen im Jahre 2050 größer sein könnten als die G6, gerechnet in US-Dollar. Derzeit liegen sie bei weniger als 15 Prozent. Unter den G6 hätten nur die USA und Japan die Chance, zu den 6 größten Ökonomien des Jahres 2050 zu gehören.[8] Diese Annahme ist auf nichts als eine ziemlich simple Verlängerung der aktuellen demografischen und ökonomischen Trends (Kapitalakkumulation/Produktivität) gegründet.

Dass bevölkerungsreichere und ärmere Länder tendenziell kleinere, aber reichere Ökonomien gemessen in absoluten Werten überholen können, ist kaum eine neue Erkenntnis. Das bedeutet natürlich keineswegs, dass es den Bewohnern der aufholenden Ökonomien notwendig besser gehen wird als denen der reichen Länder. Trotz rascheren Wachstums wird die Bevölkerung der BRIC-Länder auch 2050 im Durchschnitt noch ärmer sein als jene der G6. Russland ist die Ausnahme: Dort wird der Rückstand der Pro-Kopf-Einkommen gegenüber den ärmeren der G6 im Jahre 2050 wahrscheinlich aufgeholt sein. Chinas Pro-Kopf-Einkommen wird demnach etwa dort liegen wo die entwickelten Länder heute sind (ca. 30.000 US-Dollar). Um 2030 könnte China etwa dort stehen, wo Korea heute ist. Die USA könnten 2050 ein Pro-Kopf-Einkommen von 80.000 US-Dollar verzeichnen.[9] All diese Projektionen besagen also nur, dass dem demografischen Gewicht der bevölkerungsreichen Staaten auch einiges an ökonomischem Gewicht entsprechen wird.

Allerdings ist die auf der These ‚Demografie ist das Schicksal’ basierende Projektion durchaus fraglich. Angewandt auf die Jahre 1960-2000 produziert das Modell interessante Irrtümer: Es unterschätzt das tatsächliche Wachstum von Hong Kong und Süd Korea und überschätzt das Wachstum von Argentinien, Brasilien und Indien – es konnte also die besonders günstigen Umstände der Tiger-Ökonomien einerseits und die Behinderungen durch strukturellen Faktoren wie Abhängigkeit, Unterentwicklung und Imperialismus im Rest der unterentwickelten Welt andererseits nicht in Rechnung stellen.[10] In dieser Periode war die Demografie also keineswegs der bestimmende Faktor. Dass ihre Projektion für die metropolitanen Ökonomien der G6 (Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, UK, USA) zutrafen zeigt nur, dass das Modell kaum geeignet ist, die Zukunft der vier großen Entwicklungsländer zu projizieren.

Die Projektionen setzen zwei Dinge voraus, eines explizit, das andere implizit: Einerseits wird angenommen, dass „die BRICs wachstumsfreundliche Politiken und Institutionen verfolgen und stärken“, also weiter konsequent neoliberale Strategien und Einrichtungen umsetzen.[11] Die zweite Annahme setzt (implizit) voraus, dass die aktuellen Ungleichgewichte in den internationalen Waren- und Finanzströmen die Wachstumsmuster der G6 und der BRIC-Länder nicht verändern werden. Beide Annahmen sind fehlerhaft. Denn die Gesamtkonstellation der Weltwirtschaft war immer der entscheidende Wachstumsfaktor, wie Imperialismus- und Dependenztheorien nachgewiesen haben. Die Mainstream-Entwicklungstheorien haben diese strukturellen weltwirtschaftlichen Momente immer ignoriert; der erwähnte BRIC-Bericht steht leider in eben dieser langen und unrühmlichen Tradition.

Indien wird dem Bericht zufolge das BRIC-Land sein, welches die hohe Wachstumsrate von 5 Prozent jährlich am längsten durchhalten kann – wobei die Autoren sich wiederum lediglich auf den demografischen Faktor stützen (die Bevölkerung Indiens ist die ‚jüngste’ der vier BRICs). Während das Wachstumstempo sich demnach sowohl in den G6 als auch in den anderen BRIC-Ländern abschwächen soll, wird die Wachstumsrate Indiens über 5 Prozent bleiben. 2032 soll Indien in absoluten Größen Japan überholen. Trotzdem wird Indiens Pro-Kopf-Einkommen das niedrigste der untersuchten Länder bleiben.

Das „Hindu-Wachstum“

In den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit war das Wirtschaftswachstum in Indien unspektakulär. Das „Hindu-Wachstum“, wie es K.N.Raj scherzhaft nannte, lag bei stabilen 3,5 Prozent jährlich. Obwohl diese Rate historisch gesehen durchaus ansehnlich war, galt sie bald als lächerlich niedrig und als Ausdruck sozialistischer Bestrebungen und Praktiken. Behindert durch die Einmischung der Regierung, einen ineffizienten öffentlichen Sektor, die Vernachlässigung der Landwirtschaft, die Unterschätzung der Exportwirtschaft und bürokratische Behinderung der Privatwirtschaft verharrte demzufolge der indische Unternehmungsgeist im Dornröschenschlaf. Erst nach der Zahlungsbilanzkrise 1991 und unter dem Druck der Auflagen der internationalen Entwicklungsagenturen wurde er vom Prinzen IWF wachgeküsst. In der Folge beschleunigte sich das Wachstum auf jährlich 7-8 Prozent in den 1990er Jahren. Selbst wenn dieses Märchen wahr wäre – ich werde weiter unten zeigen, dass dies nicht der Fall ist – markieren die 1990er Jahre nicht den entscheidenden Bruch in der Wirtschaftsgeschichte Indiens. Tatsächlich war es die Unabhängigkeit, die eine lange Quasi-Stagnation beendete. Unterschiedlichen Quellen zufolge wuchs die indische Wirtschaft in der ersten Hälfte des Jahrhunderts um schwache 0,8 bis 1 Prozent jährlich, was für die Pro-Kopf-Einkommen nur marginale Zuwächse bedeutete. Dagegen stieg das Wachstum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf real 4,2 Prozent (2,1 Prozent für die Pro-Kopf-Einkommen).[12]

Es war demnach die mit der Entkolonialisierung verbundene Restrukturierung des Imperialismus die neue Wachstumsbedingungen schaffte. Die direkte Abschöpfung des indischen Mehrprodukts durch Großbritannien und die damit verbundenen kolonialen Praktiken hatten Indien über die gesamte Kolonialperiode hinweg Stagnation beschert.

Die Geschichte der kapitalistischen Entwicklung nach der Unabhängigkeit weist mindestens drei Handlungsstränge auf. Dies ist erstens das spezifische Wachstumsmuster als Ergebnis von Regierungsinterventionen. Zweitens, der Prozess der Kommerzialisierung und kapitalistischen Durchdringung der Landwirtschaft, ähnlich wie es Lenin in Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland beschreibt. Drittens, der Kampf zwischen verschiedenen Fraktionen der besitzenden Klassen um Einfluss auf die staatliche (Wirtschafts-)Politik im Rahmen der bürgerlichen Demokratie. Dass Indien den größten Beitrag zur Armut in der Welt leistete und weiterhin leistet ist dabei der beste Beleg für die Tatsache, dass Vertreter der armen Bevölkerungsschichten nicht zu den wichtigen dramatis personae dieser Geschichte gehören.

Anders als die meisten Dritte Welt Länder hatte Indien schon zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit eine kleine, aber relevante Industriebourgeoisie.[13] Wie alle Bourgeoisien war sie keine Anhängerin von staatlichem Interventionismus; allerdings hatte ihnen die Geschichte des Kolonialismus gezeigt, wie wichtig die Rolle des Staates für die Förderung von Kapitalakkumulation und Diversifizierung der Wirtschaft ist. Relevant für die Entfaltung des kolonialen Kapitalismus in Indien war die Tatsache, dass dieser dadurch geprägt war, dass der Staat nicht die einheimische Bourgeoisie vertrat.[14] Dieser Mangel des indischen Kapitalismus wurde im Rahmen von Nehrus Entwicklungsstrategie durch den Aufbau eines bedeutenden öffentlichen Sektors überwunden, obwohl die Führung der Kongress-Partei diesen Tatbestand benutzte, um sich als sozialistisch zu gerieren.

Dieser Etikettenschwindel ändert allerdings nichts daran, dass es in dieser Periode gelang, eine gewaltige Umstrukturierung der Landwirtschaft im Rahmen liberaler Ansätze durchzuführen: Der zweite Fünfjahresplan sah eine vergleichsweise ‚egalitäre’ Landreform vor, die eine Erhöhung der Produktivität durch veränderte ökonomische Anreizsysteme hervorbringen sollte. Diese wurde ergänzt durch die staatliche Förderung von genossenschaftlichen und kollektiven Ansätzen. Der Großteil des so erhöhten landwirtschaftlichen Mehrprodukts sollte dazu dienen, staatlich regulierte Investitionen in Industrie und Infrastruktur zu finanzieren. Gleichzeitig sollte der relativ egalitär strukturierte Landwirtschaftsbereich einen expandierenden inneren Absatzmarkt für die indische Industrie bilden. Die besten Ökonomen und Ökonometriker des Landes halfen, diese Strategie zu formulieren. Die Achillesferse dieses Entwicklungskonzepts war durchaus politischer, nicht ökonomischer Natur.

Tatsächlich verliefen die politischen Fronten dieser Zeit nicht zwischen Sozialismus und Liberalismus, sondern zwischen den verschiedenen, um staatliche Leistungen kämpfenden Fraktionen der besitzenden Klassen. Indiens industrielle Bourgeoisie war nicht die einzige und schon gar nicht die dominierende besitzende Klasse. Angesichts der bedeutenden ländlichen Ökonomie, die noch immer 60 Prozent der Bevölkerung beschäftigt (und ein Fünftel des Sozialprodukts erzeugt), konnte die vergleichsweise kleine industrielle Bourgeoisie nur im Bündnis mit den Landbesitzern wirkliche Macht ausüben. Auch auf diesem Gebiet ist die indische Situation eine Besonderheit. Denn das Land war überwiegend nicht in den Händen von Großgrundbesitzern. Bei den Besitzern handelte es sich in den meisten Regionen um lokal verankerte und in Kasten organisierte Großbauern. Es war M.K.Gandhi, der in den 1920er Jahren das Bündnis zwischen der Bourgeoisie und den ländlichen Bauerneliten geschaffen hatte. Dieses Bündnis war und ist die Grundlage des indischen Staats und es ist sicherlich der nachhaltigste Beitrag Gandhis zur Geschichte Indiens in der Neuzeit. Die Organisationsgeschichte der Kongress-Partei sowohl als Bewegung im Kampf für die Unabhängigkeit als auch als spätere Regierungspartei spiegelt die Entwicklung dieses Bündnisses wider.[15]

Die Macht der dominierenden landbesitzenden Kasten war regional begrenzt und die Kongress-Partei und der indische Staat entwickelten entsprechende bundesstaatliche Strukturen, gegründet auf sprachliche Grenzen. Die Kommerzialisierung und die Ausbreitung kapitalistischer Warenbeziehungen (beginnend schon im 19. Jahrhundert) in den ländlichen Raum hatte diesen Gruppen – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – wirtschaftlichen Wohlstand und damit politischen Einfluss gebracht. Schon vor der Unabhängigkeit hatten die Kasten der Landeigner politische Macht auf regionaler Ebene; das Wahlrecht war schrittweise auf bis zu 25 Prozent der Bevölkerung ausgedehnt worden. In den Regionen mit Großgrundbesitz waren die herrschenden Bauernkasten nicht Eigentümer sondern Pächter. Gandhi und die Kongress-Partei hatten im Kampf um die Unabhängigkeit die Landfrage hintangestellt – bis zur Landreform nach der Unabhängigkeit. Erst durch diese wurden die Pächter auch in den Regionen mit Großgrundbesitz zu Eigentümern.

Die Landreform sicherte der indischen Agrarwirtschaft also eine solide besitzbäuerliche Grundlage. Die liberalen demokratischen Strukturen verschafften den ländlichen Eliten Zugang zu politischem Einfluss. Das regional differenzierte Kastensystem stellte die Voraussetzungen der Machtausübung im Rahmen der föderal strukturierten Kongress-Partei sowohl auf regionaler wie auf zentraler Ebene her.[16] Mehr noch als die ins Auge springende Industrialisierungsstrategie war es also die Entwicklung im ländlichen Bereich, welche das Regierungssystem und die sozialen Verhältnisse formte. Tatsächlich waren beide Entwicklungen miteinander verbunden. Denn Industrialisierung setzte den Transfer des ländlichen Mehrprodukts voraus; die gestärkte politische Macht der ländlichen Führungsschichten verschaffte diesen erheblichen Einfluss auf Form und Inhalt sowohl der Veränderungen auf dem Lande als auch des industriellen Ressourcentransfers. So wurde verhindert, dass die Landreform mehr bewirkte als die Begrenzung von übertriebenem Großgrundbesitz und die Machtsicherung der dominierenden Bauernkasten. Verhindert wurde ebenso die zu starke Besteuerung der Landwirtschaft, die notwendig gewesen wäre um höheres wirtschaftliches und industrielles Wachstum zu erreichen. Nur jene Formen von kollektiven oder genossenschaftlichen Initiativen wurden zugelassen, welche den großbäuerlichen Einfluss stärkten. So wurde die kommerzielle und kapitalistische Durchdringung des ländlichen Raums begünstigt und dafür gesorgt, dass ein größerer Teil des Mehrprodukts den landbesitzenden bäuerlichen Gruppen zugute kam. Der damit verbundene Prozess der sozialen Differenzierung führte zur Bereicherung und Machtsteigerung der mittleren und größeren Bauern und der kapitalistisch wirtschaftenden Landeigner.[17] Das agrarische Wachstum der ersten zwei Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit ist denn auch weniger auf Produktivitätsgewinne als Folge einer egalitäreren Landverteilung zurückzuführen. Tatsächlich ist es vor allem der größeren Flächenbewirtschaftung bei geringen technologischen Veränderungen geschuldet.

Eine Serie von Trockenperioden deckte schließlich die strukturelle Schwäche der indischen Landwirtschaft auf: Eine überwiegend ländlich strukturierte Volkswirtschaft konnte sich nicht ernähren. Diese Krise erweiterte den Einfluss der ländlichen Eliten im Zuge der staatlichen Förderung der ‚Grünen’ und später der ‚Weißen’ (Milchwirtschaft) Revolution. Die Landwirtschaft wurde kapitalistischer, mit entsprechenden Folgen für die Sozialstruktur der bäuerlichen Eliten.

Infolge fiskalischer Engpässe ging der Industrialisierungsprozess langsamer voran als geplant, obwohl die erreichten industriellen Zuwachsraten im Rückblick mit 7-8 Prozent durchaus ansehnlich waren. Er schaffte die Grundlage für jene diversifizierte Industriestruktur, deren sich Indien heute rühmen kann. Allerdings basierte das industrielle Wachstum auf öffentlichen und dadurch bedingten privaten Investitionen. Da aber weder die industriellen noch die landwirtschaftlichen Eigentümer bereit waren, die erforderliche Steuerlast zu tragen, verlangsamten sich industrielle Investitionen und Wachstum und führten den Staat in die Finanzkrise der späten 1960er Jahre.[18] Die Ausweitung des öffentlichen Defizits brachte nur begrenzte Spielräume und der damit verbundene inflationäre Druck rief die indischen monetären Instanzen auf den Plan, die sich gegenüber inflationären Entwicklungen immer als sehr sensibel gezeigt hatten.

So ist das Ende der 1960er Jahre der Wendepunkt des nach der Unabhängigkeit eingeschlagenen Wachstumswegs. Bis dahin konnten die Landbesitzer alle Bemühungen um eine sozial ausgewogene Industrialisierungsstrategie unterminieren. Heimischer und internationaler Druck wirkte hier lediglich ergänzend. Der Übergang zur wirtschaftlichen Liberalisierung wird allgemein mit der Zahlungsbilanzkrise und den IWF-Auflagen im Jahre 1991 in Verbindung gebracht. Andere mögen ihn auf 1984 ansetzen, als die Rajiv Gandhi Regierung für eine Entfesselung der Markkräfte optierte, oder auf die Liberalisierungsmaßnahmen der Janata Regierung in den Jahren 1977-80. Tatsächlich aber war die „Grüne Revolution“ der entscheidende Einschnitt. Diese war in den späten 1960er Jahren eingeleitet worden war, nachdem die besitzenden Eliten Nehrus Entwicklungsstrategie erfolgreich sabotiert hatten und eine dreijährige Trockenheit in Verbindung mit heftigem Druck seitens der USA eine Wende erzwang. Spätere Liberalisierungsmaßnahmen verstärkten diesen Effekt lediglich.

Die große Errungenschaft der „Grünen Revolution“ war die Selbstversorgung des Landes mit Nahrungsmitteln. Das bedeutete allerdings nicht, dass alle Inder genug zu essen hatten – es gelang lediglich, die kaufkräftige Nachfrage nach Nahrungsmitteln zu befriedigen, so dass die Regierungen keine politischen Unruhen (vor allem in den Städten) wegen Versorgungsproblemen mehr zu befürchten hatten. Das war keine geringe nationale Errungenschaft, obwohl Unterernährung weiterhin die Lage der Armen im Lande bestimmte.

Die beschleunigte Ausdifferenzierung der sozialen Schichten auf dem Lande vergrößerte die absolute Armut, während die Klasse der besitzenden Landwirte gedieh. Allerdings waren Charakter und Ansprüche dieser Klasse niemals nur ländlich. Denn wenn auch ihr ursprünglicher Reichtum auf Landbesitz basierte konnte man doch spätestens seit den 1980er Jahren in den kleinen und mittleren Städten des Landes beobachten, dass ihr wirtschaftliches Interesse auch industrielle und kommerzielle Aktivitäten einschloss und die gut ausgebildete Nachkommenschaft sich Beschäftigung beim Staat und im Privatsektor suchte.[19] So verwandelte sich eine ursprünglich agrarische Bourgeoisie in eine regional verankerte Klasse von Besitzenden; dies wurde gleichzeitig der wichtigste Mechanismus des Transfers von Mehrprodukt aus der Landwirtschaft in die städtische und industrielle Ökonomie. Diese Klasse hatte es geschafft, dem Staat die Kontrolle über den wirtschaftlichen Wandel zu entziehen. Sie integrierte sich schließlich zu einer einheitlichen Bourgeoisie, welche sowohl in den Dörfern wie in den Metropolen des Landes präsent ist.[20]

Allerdings führte der ungebrochene Trend zur Liberalisierung der Wirtschaftspolitik nicht dazu, Indiens Industrie von ihrer Abhängigkeit von öffentlicher Finanzierung zu befreien. In den 1970er Jahren verzeichnete die Industrie bei niedrigen Wachstumsraten von 3-4 Prozent Stagnationstendenzen.[21] Der erneute Aufschwung des industriellen Wachstums in den 1980er Jahren folgte aber einem neuen Muster: Es beruhte nicht mehr auf Grundstoffproduktion und öffentlichen Investitionen; der zunehmend deregulierte private Sektor konzentrierte sich vielmehr auf die Befriedigung der Konsumwünsche der ländlichen und städtischen Mittelschichten. Was blieb, war die Abhängigkeit von öffentlichen Ausgaben, allerdings nicht mehr in Form von Investitionen sondern von Staatsausgaben (einschließlich höherer Beamtengehälter). Dies wurde möglich dank einer höheren öffentlichen Verschuldung, sowohl national wie international. In dieser Zeit wurde die internationale Verschuldung durch die Entwicklungsagenturen des Nordens gefördert; so erhöhte sich die Importintensität des Wachstums, wobei die indische Industrie zunehmend auf technologische Zusammenarbeit und den Import von Inputs angewiesen war, um die Nachfrage einer international orientierten Mittelklasse zu befriedigen.[22]

Insgesamt ist sehr deutlich, dass der Übergang zur „Grünen Revolution“ der entscheidende Wendepunkt der indischen Wirtschaftspolitik war; und auch wenn es sicherlich äußeren Druck in die neoliberale Richtung gegeben hat, so ist doch offensichtlich, dass dieser nur deshalb erfolgreich war, weil innere politische Widersprüche dem eine soziale Variante des Kapitalismus verfolgenden Entwicklungsmodell den Garaus gemacht hatten. Diese Widersprüche bestanden im Kern darin, dass die Stärkung der politischen Macht der Bourgeoisie wohlfahrtsstaatlichen Bestrebungen Grenzen setzte. Trotzdem markiert das Jahr 1991 die Einleitung der völligen Liberalisierung der indischen Wirtschaft; die seitherige Entwicklung ist somit der Erfolgstest für das neoliberale Entwicklungsmodell.

Ein entfesselter Tiger?

Die erklärten Ziele der Liberalisierungsmaßnahmen nach 1991 waren mehr Wachstum, mehr Auslandsinvestitionen (FDI), höhere Exporte und Armutsreduzierung. Eingesetzt wurden die klassischen neoliberalen Instrumente wie Deregulierung, Privatisierung, Senkung von Steuern und Subventionen, Abschaffung von Kontrollen bei Handel und Finanzströmen usw. Der ideologische Eifer, mit dem diese Etappe der extremen Liberalisierung umgesetzt wurde, ist bemerkenswert. Denn liberalistische Strömungen waren bei den indischen Ökonomen eigentlich niemals beliebt.[23] Mehr als in anderen Ländern waren die Liberalisierer in Indien mit IWF/Weltbank bzw. mit amerikanischen Universitäten verbunden.

Die Ergebnisse dieser extremen Liberalisierung waren entgegen anders lautenden Vorurteilen wenig eindrucksvoll, wenn nicht sogar negativ, was die neoliberalen Ansätze der BRIC-Debatte insgesamt zumindest im indischen Fall stark in Frage stellt. Dies zeigt ein Blick auf die einzelnen Ziele.

Wachstum

Wie bereits gezeigt, hatte sich das indische Wirtschaftswachstum schon in den 1980er Jahren beschleunigt, begünstigt durch staatliche Fördermaßnahmen und die Steigerung der Sparquote auf über 20 Prozent des Sozialprodukts. Dabei hatten die staatlichen Banken eine wichtige Rolle gespielt. Dies war möglich dank verbesserter Zugangsmöglichkeiten zu internen und externen Finanzierungsquellen. C.P. Chandrashekhar und Jayati Ghosh zeigen, dass sich das Wachstumstempo in den 1990er Jahren sogar wieder verlangsamt hat.[24] Dies war vor allem den im Rahmen der neoliberalen Politik reduzierten staatlichen Fördermaßnahmen geschuldet. Der Konsumboom der 1990er Jahre ging einher mit einer stagnierenden Spar- und Investitionsquote. Trotz der Begünstigung von Auslandsinvestitionen trugen diese wenig dazu bei, die Lücke zwischen Sparen und Investieren zu füllen. Tatsächlich betrachten die internationalen Konzerne Indien (anders als China) weniger als Produktionsstandort denn als Absatzmarkt.

Tabelle 1:Veränderung des Bruttoinlandsprodukts zu festen Preisen in %

Tabelle siehe Datei zum Download!

Quelle: CSO, National Accounts Statistics, reproduced from Chandrashekhar and Gosh, The Market that Failed, New Delhi: Leftword, Second revised Edition, 2004

Tabelle 2: Veränderung des Bruttoinlandsprodukts nach Sektoren zu
festen Preisen

Tabelle siehe Datei zum Download!

Quelle: ebd.

Das industrielle Wachstumsmuster beruht auf der Nachfrage der Mittelklassen. Dazu gab es keine Alternative, da man es ja früh aufgegeben hatte, ein in verteilungspolitischer Hinsicht ausgeglicheneres und breitenwirksames Wachstum zu erreichen. Die Liberalisierungsmaßnahmen der späten 1970er und der 1980er Jahre hatten es den inländischen Produzenten lediglich erlaubt, die Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern mit Hilfe von ausländischer Technologie und Importen zu befriedigen. Höhere industrielle Wachstumsraten in den 1980er Jahren waren die Folge. Damit stieg der Energieverbrauch, die Importe wuchsen und die Zahlungsbilanzkrise von 1991 war das direkte Ergebnis.

Die Reformen von 1991, die das Problem angeblich lösen sollten, trugen tatsächlich dazu bei, dieses Entwicklungsmuster zu verfestigen. Gegen Ende der 1990er Jahre schien der inländische Markt gesättigt. Multinationale Konzerne beklagten die geringe Konsumneigung der Inder. Der nationale Industriegigant „Reliance Industries“ kündigte Pläne zur Erschließung der ländlichen Märkte durch bessere Elektrizitätsanbindung an. Tatsächlich gibt es aber nur einen Weg um die demografische Stärke Indiens in effektive Nachfrage zu verwandeln: Erhöhung der Einkommen der Millionen von ländlichen Armen. Fortschrittliche Ökonomen plädieren dafür seit Jahrzehnten. In der jüngsten Vergangenheit nutzten sie die Abhängigkeit der von der Kongress-Partei geführten UPA Regierung von linker Unterstützung, um eine expansive Beschäftigungspolitik im ländlichen Raum als Kern einer wirksamen Wachstumsstrategie zu fordern. Sie schlugen ein Beschäftigungsprogramm vor, welches allen ländlichen Haushalten 100 Tage bezahlter Arbeit im Jahr garantieren sollte. Die Kosten dieses Programms wurden auf rund 10 Mrd. US-Dollar geschätzt. Die UPA-Regierung stellte dafür aber nur rund ein Fünftel der benötigten Summe zur Verfügung.[25]

Wie in anderen Ländern war das Wachstum im Dienstleistungssektor in den vergangenen Jahren stärker als in den produzierenden Bereichen, so dass ersterer nun mehr als die Hälfte der indischen Wirtschaft ausmacht. Dies kann allerdings kaum als Erfolg bezeichnet werden. Der Beitrag der Dienstleistungen zum Sozialprodukt ist nicht nur schwer zu messen, Dienstleistungen stellen auch nur schlecht bezahlte und unsichere Arbeitsplätze bereit. Eine Ausnahme ist lediglich der berühmte indische IT-Bereich, der in verschiedenen ‚Silicon Valleys’ entstanden ist. Dies sei Berichten zufolge der neue Wachstumssektor, der es Indien erlauben wird, die Wertschöpfungskette zu erweitern. Die Hoffnungen darauf erscheinen jedoch übertrieben. Denn die gemeldeten phantastischen Wachstumsraten beziehen sich auf ein sehr niedriges Ausgangsniveau. Gesamtwirtschaftlich wird die Bedeutung dieses Bereichs begrenzt bleiben, jedenfalls solange Elektrizitätsversorgung und Analphabetismus auf ihrem jetzigen Stand verharren und IT-Arbeitsplätze gute Englischkenntnisse voraussetzen.[26] Angesichts der strikten Einwanderungskontrollen der diese Leistungen konsumierenden Industrieländer handelt es sich dabei letztlich nur um eine versteckte Form von Billig-Arbeit. Indien hat in diesem Bereich inzwischen so hohe internationale Marktanteile, dass es unrealistisch wäre, eine Fortsetzung des Wachstumstrends zu erhoffen.[27]

Besorgniserregend ist die Situation im Agrarbereich. Dort ist das Wachstum auf einem historischen Tief. Gleichzeitig entzieht die Einbindung Indiens in die Weltwirtschaft und die steigende Exportproduktion immer mehr Land der inländischen Nahrungsmittelerzeugung. Die Getreideproduktion und -konsumtion pro Kopf sinkt, eine alarmierende Erscheinung in einem Land mit immer noch signifikanter Unterernährung. Die Abschaffung landwirtschaftlicher Subventionen und die Verknappung von Krediten hat bereits eine Welle von Selbstmorden verschuldeter Bauern ausgelöst. Die Landwirtschaft ist heute in einer neuen Art von Krise (‚Post-Grüne-Revolution’), ein direktes Ergebnis ihrer Kapitalisierung.[28]

Exportentwicklung

Die Liberalisierung der 1990er Jahre hat keineswegs dazu beigetragen, die Exporte zu beleben. Zwar hatten die Ausfuhren schon in den 1980er Jahren zugenommen und der Außenhandelsanteil Indiens liegt heute bei 20 Prozent; es ist aber vor allem die Enge des Binnenmarktes, welcher den Außenhandel treibt und nicht die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit indischer Produkte. Trotz des verbesserten Zugangs zu ausländischer Technologie glänzt Indien weiterhin im Bereich Agrargüter und Leichtindustrie (Textilien, Leder, Halbedelsteine). Der Industrie gelang es nicht, wertschöpfungsintensivere Produktlinien zu entwickeln. Hinzu kommt, dass die Importabhängigkeit sowohl bei Konsumgütern wie bei Produktionsgütern zugenommen hat. Zwar scheint es, dass der Zuwachs der Importe sich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre verlangsamt hat, was aber Chandrashekhar und Gosh zufolge mehr mit dem Preisverfall der Importprodukte zu tun hat. Denn gemessen in Mengeneinheiten nimmt der Import weiter zu, so dass die Importverlangsamung nur ein vorübergehendes Phänomen zu sein scheint.

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Indien bei einer insgesamt mehr oder weniger ausgeglichenen Außenhandelsbilanz einen erheblichen Überschuss im Handel mit den USA hat. Damit ist Indien ähnlich wie China Teil des Problems globaler Handels- und Finanzungleichgewichte. Indien akkumuliert Dollars und ist abhängig vom Konsum in den USA. Dass diese Situation stabil ist, muss bezweifelt werden.

Zahlungsbilanz

Vor diesem Hintergrund ist der größte Triumph des neoliberalen Ansatzes, nämlich der massive Aufbau von Devisenreserven durch die indische Zentralbank, ein durchaus zweifelhafter Erfolgsindikator. Tatsächlich ist dies eine komplette Abkehr von der Situation chronischer Devisenknappheit, die die indische Wirtschaft seit der Unabhängigkeit belastet hatte. Allerdings handelt es sich wohl mehr um einen Scheinerfolg, da die indischen Devisenreserven wie gezeigt lediglich Indikator globaler Ungleichgewichte sind, die früher oder später beseitigt werden müssen: Es ist nur die Frage ob dies per Katastrophe oder in einer kontrollierten Form erfolgt. Außerdem haben Chandrashekhar und Gosh gezeigt, dass es sich hier lediglich um eine Art vorgezogenes Sparen handelt welches anzeigt, dass die indische Wirtschaft unterhalb ihres Potenzials operiert – was nichts anderes als Ressourcenverschwendung ist. Das ist im Übrigen ein Problem für alle Entwicklungsländer: Entwicklung erfordert Produktion und nicht Vorratsbildung. Hinzu kommt die spezifische Ursache für den Aufbau der indischen Devisenreserven: Der dafür ursächliche Überschuss in der Leistungsbilanz ist einmal auf die Überweisungen indischer Arbeiter im Ausland zurückzuführen, zum anderen aber auf den Zufluss von Auslandskapital sowohl in Form von Portofolio-Investitionen als auch zum Erwerb indischer Beteiligungen. Nun mag das positiv ein erhöhtes Vertrauen internationaler Finanzanleger in die Stabilität der indischen Wirtschaft ausdrücken; die Tatsache, dass diese Mittel dem Aufbau von Devisenreserven dienen bedeutet aber, dass der Kapitalzufluss nicht produktiv investiert wird. Angesichts der Erfahrungen mit der Volatilität der Finanzmärkte in anderen Schwellenländern ist die Situation der indischen Zahlungsbilanz daher mehr Anlass zu Besorgnis als zu Zufriedenheit.[29]

Armutsreduzierung

Den neoliberalen Annahmen zufolge führt Wachstum automatisch zu Armutsreduzierung. Es gibt allerdings im indischen Fall keinen Beleg für ein ‚trickle down’ von Wachstumseffekten.[30] Zwar sprechen jüngste Statistiken der indischen Planungskommission von einem deutlichen Rückgang der Armutsquoten. Angesichts der statistischen Methoden und vor allem der fehlenden Vergleichbarkeit mit früheren Daten wird aber vielfach bestritten, dass dies einen Trend ausdrückt. Kritische Ökonomen erzählen eine andere Geschichte: Bezogen auf die ländliche Armut stieg die Armutsinzidenz in den 1960er und frühen 1970er Jahren auf einen Höhepunkt von 56 Prozent. Bis Ende der 1980er Jahre sank dieser Wert deutlich auf 35 Prozent. In der Folge, also in der Periode des extremen Liberalismus, stieg er wieder auf ca. 45 Prozent an. Die günstige Entwicklung in den 1970er und 1980er Jahren war das Ergebnis gezielter staatlicher Programme der Armutsreduzierung in Form von ‚Food-for-Work’ und anderen Beschäftigungsprogrammen. In der neoliberalen Periode wurden diese Programme massiv zurückgefahren. Zudem stiegen die Nahrungsmittelpreise steil an. Terence Byres geht auf die neoliberale Kritik an den Armutsbekämpfungsprogrammen ein: Es sei klar, dass ein erheblicher Teil der Mittel nicht die Armen erreicht hätte, zumindest nicht die Allerärmsten. Die erreichte Verbesserung der sozialen Lage der Armen war nicht nachhaltig, da die Einkommensverbesserungen durch höhere Preise oder die Beendigung der Programme rasch wieder zunichte gemacht werden konnten. Trotzdem hatten die staatlichen Programme positive Effekte – nur Maßnahmen der direkten Armutsbekämpfung, nicht ‘trickle-down’ funktionieren.[31]

Schlussfolgerung: Träume in Farbe?

Die indische Wirtschaft konnte schon in den 1980er Jahren höhere Wachstumsraten erreichen, was nichts mit neoliberalen Wirtschaftspolitiken zu tun hatte. Aber selbst dies hat das eigentliche Problem nur überdeckt: Nachhaltiges Wachstum muss vom Binnenmarkt getragen werden. Armutsreduzierung ist eine unabdingbare Voraussetzung. Die neoliberalen Maßnahmen haben das Problem von Armut und schwachen Binnenmärkten akzentuiert. Die Exportorientierung ist für eine große Volkswirtschaft wie die Indiens keine realistische Option; das Handelsungleichgewicht mit den USA kann nur ein zeitweiliger Ausweg sein. Die Exporterfolge Indiens sind jedenfalls alles andere als ermutigend. Angesichts der neoliberalen Beschränkungen öffentlicher Ausgaben und Investitionen und der sich vertiefenden ländlichen Armut werden die vom engen Binnenmarkt ausgehenden Grenzen des indischen Wachstums früher oder später sichtbar werden. Es ist nicht möglich, den Zeitpunkt dafür zu bestimmen – die oben dargestellte Wachstumsprognose von 5 Prozent jährlich in den nächsten drei Jahrzehnten (3 Prozent in der folgenden Periode) dürfte sich aber kaum realisieren. Die Demografie ist, unglücklicherweise für Indiens arme Millionen, nicht das Schicksal – wäre es das, dann wären Wünsche Pferde und Bettler würden sie reiten.

(Übersetzung aus dem Englischen: Jörg Goldberg)

[1] Die neoliberale Offensive begann schon in den 70er Jahren (Siehe Radhika Desai, Second-Hand Dealers in Ideas: Think-Tanks and Thatcherite Hegemony, in New Left Review, no. 203, January-February 1994, S. 27-64.) und wurde im Bereich der Entwicklungspolitik vor allem von der Weltbank gefördert. Während Autoren wie P.T. Bauer, Bela Balassa, Deepak Lal, Jagdish Bhagwati and Anne Krueger vor den Übeln des Etatismus warnten, (wobei das Beispiel des ostasiatischen ‚Wirtschaftswunders’ eine zunehmend wichtige Rolle spielte), kritisierte Bill Warren schon 1973 die Dependenztheorie unter Bezugnahme auf den gleichen Fall von einem marxistischen Standpunkt aus: Imperialism and Capitalist Industrialization, New Left Review, no. 81.

[2] Die folgenden Angaben nennen einige wichtige Arbeiten zu diesem Thema: Alice Amsden, Asia’s Next Giant: South Korea and Late Industrialization, Oxford: Oxford University Press, 1989, Stephen Haggard, Pathways from the Periphery, Ithaca: Cornell University Press, 1990, Chalmers Johnson, MITI and the Japanese Miracle, Stanford: California University Press, 1982, Robert Wade, Governing the Market: Economic Theory and the Role of Government in East Asian Industrialization, Princeton: Princeton University Press, 1990, und etwas aktueller: Atul Kohli, State-Directed Development: Political Power and Industrialization in the Global Periphery, Cambridge: Cambridge University Press, 2004.

[3] Bruce Cumings, The North East Asian Political Economy, in Fred Deyo (ed.) The Political Economy of the New Asian Industrialism, Ithaca: Cornell University Press, 1989.

[4] Siehe World Bank, The East Asian Miracle, New York: Oxford University Press, 1993. Robert Wade schildert wie dieser Bericht entstand: Japan, the World Bank and the Art of Paradigm Maintenance: The East Asian Miracle in Political Perspective, New Left Review 217, May-June 1996.

[5] Antonio Gramsci, Selections from the Prison Notebooks, Tr. Quintin Hoare and Geoffrey Nowell-Smith, International Publishers, New York, 1983, S.12.

[6] Colin Leys, The Rise and Fall of Development Theory in The Rise and Fall of Development Theory, Bloomington: Indiana University Press, 1996.

[7] Dreaming with BRICs: The Path to 2050 Goldman Sachs Global Economics Paper No. 99

[8] Ebd, S. 2

[9] Ebd. S. 5

[10] Ebd., S. 14

[11] Ebd, S. 14 bzw. S. 10.

[12] Deepak Nayyar, Economic Growth in Independent India: Lumbering Elephant of Running Tiger?, Economic and Political Weekly, April 15 2006, S. 1452-3. Für die 1. Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts beziehe ich mich auf Schätzungen in Angus Maddison, Monitoring the World Economy: 1820-1992, OECD Development Centre, Paris and S. Sivasubramonian, The National Income of India during the Twentieth Century, Oxford University Press, Delhi, 2000. Die Schätzungen für spätere Zeiträume basieren auf Central Statistical Organization and Economic and Political Weekly Research Foundation, National Accounts Statistics of India.

[13] Debatten über die kapitalistische Entwicklung im vorkolonialen Indien leiden, sogar bei Marxisten, unter dem europäischen Blickwinkel. Erst in der jüngeren Vergangenheit beginnt man einzuräumen, dass die Bourgeoisie in Indien historisch tiefe indische Wurzeln hat. Sie ist keine koloniale Erfindung. Siehe insbesondere Burton Stein, Towards an Indian Petty Bourgeoisie: Outline of an Approach, Economic and Political Weekly, January 26, 1991, and Chris Bayly, Rulers Townsmen and Bazaars, Cambridge, 1983. Die Herausbildung der indischen Bourgeoisie beschleunigte sich sicherlich im 18. und 19. Jahrhundert. Es wäre aber wohl ohne fremde Einmischung rascher verlaufen. In den 1930er Jahren hatte „Big Business“ jedenfalls schon eine großes politisches Gewicht in der Kongress-Partei. Die Dynamik des unabhängigen Indien kann daher nicht durch die These Kaleckis von den „Intermediate Regimes” erklärt werden, welche sozial auf der unteren Mittelklasse und den Bauern basieren, obwohl es Parallelen geben mag. K.N. Raj jedenfalls hielt diese Parallelen für rein oberflächlich. (The Politics and Economics of Intermediate Regimes, Economic and Political Weekly, July 7, 1973). Anders dagegen der kommunistische Politiker und Denker E.M.S. Namboodiripad, On Intermediate Regimes, Economic and Political Weekly, December 1, 1973. Aijaz Ahmad, in Class, Nation and State: Intermediate Classes in Peripheral Societies, (Dale Johnson (ed.): Middle Classes in Dependent Countries, Beverly Hills, 1985, reprinted in Lineages of the Present, Delhi, 1995), der den indischen Fall im Rahmen einer Übersicht über die Dynamik der radikalen Mittelklassen in Westasien und Nordafrika diskutiert.

[14] Es gab eine kontroverse Debatte über den Einfluss des Kolonialismus auf die indische Wirtschaft, aber das hat selbst Robert Stern in seiner ziemlich schlampigen Darstellung einräumen müssen (Changing India: Bourgeois Revolution in a Subcontinent, Cambridge: Cambridge University Press, 2nd rev. ed, 2003).

[15] Diese Entwicklung wird dargestellt in Radhika Desai: Forward March of Hindutva Halted?, New Left Review 30, second series, November-December 2004, S. 49-67.

[16] Robert Stern nennt Indiens Entwicklung im 20. Jahrhundert ganz passend eine langanhaltende bürgerliche Revolution „aus der Mitte heraus“. (op. cit.).

[17] Die umfassendste Darstellung hierzu bringt Francine Frankel, India’s Political Economy: 1947-1977, Princeton: Princeton University Press, 1978.

[18] Prabhat Patnaik, On the Political Economy of Economic Liberalization, Social Scientist, July-August, 1985.

[19] K. Balagopal, An Ideology for the Provincial Propertied Class, Economic and Political Weekly, Vol. XXII, Nos. 36 and 37, September 5-12, 1987, S. 1546-7.

[20] Sanjaya Baru, Economic Policy and the Development of Capitalism in India: the role of regional capitalists and political parties, in Francine Frankel et. al. eds. Transforming India, New Delhi: Oxford University Press, 2000. Prabhat Patnaik, C.P. Chandrashekhar and Abhijit Sen, The Proliferation of the Bourgeoisie and Economic Policy, in T.V. Satyamurthy ed., Class Formation and Political Transformation in Post-Colonial India, New Delhi: Oxford University Press, 1996.

[21] Sudip Chaudhari, Debates on Industrialization, in Terence J. Byres ed. The Indian Economy: Major Debates Since Independence, New Delhi: Oxford University Press, 1998, S. 259.

[22] C.T. Kurien, Indian Economy in the 1980s and 1990s, Economic and Political Weekly, Vol. XXIV, no. 15, April 15, 1989.

[23] Prabhat Patnaik Economic Policy and its Political Management in the Current Conjuncture in Frankel et.al. ed., op. cit. and Jayati Ghosh, Liberalization Debates, in Terence Byres ed. Op. cit.

[24] The Market that Failed, New Delhi: Leftword, 2nd rev. ed. 2004, S. 42-3.

[25] Jayati Ghosh, Frontline, 3 July 2004.

[26] Dieses Problem wird betont von The Economist in And Now for the Hard Part: A Survey of Business in India, 3 June 2006, S. 6-8.

[27] Siehe C. P. Chandrasekhar and Jayati Ghosh, IT- Driven Offshoring: The Exaggerated „Development Opportunity”, http://www.macroscan.org/anl/jan06/anl270106 Development_ Opportunity.htm

[28] Utsa Patnaik, The Republic of Hunger, http://www.atisweb.org/sections/food/analysis/2004/ april/pdf/Rep_Hun.pdf

[29] Chandrashekhar and Ghosh, op. cit., S. 116.

[30] Darauf verweist insbesondere Terence Byres, ‘Introduction: Development Planning and the Interventionist State Versus Liberalization and the Neo-liberal State: India, 1989-1996’ in Byres ed., The State, Development Planning and Liberalization in India. (New Delhi: Oxford University Press, 1997 and on Chandrashekhar and Ghosh, op. cit., S.151-164.

[31] Byres, op. cit., S. 25.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 67, September 2006