Der „Kommunismus" ist tot, es lebe der Kommunismus!

Lucien Sève

Lucien Sève

Am 23. März 2020 starb der marxistische Philosoph Lucien Sève im Alter von 93 Jahren an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus. Aus diesem Anlass wurde in der in der französischen Zeitung L‘Humanité ein Interview mit Sève vom 8. November 2019 unter o.g. Titel wiederveröffentlicht, das wir hier in deutscher Übersetzung abdrucken.

Sève wurde am 9. Dezember 1926 als Sohn des kommunistischen Verlegerehepaars André und Adrienne Sève geboren.[1] Sein in zahlreiche Sprachen übersetztes Buch Marxisme et théorie de la personalité (1969; dt. Marxismus und Theorie der Persönlichkeit, Verlag Marxistische Blätter, 1977) machte ihn einem internationalen Publikum bekannt. Nach 60jähriger Mitgliedschaft verließ er 2010 – gemeinsam mit etwa 200 Genossinnen und Genossen – die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF). In einer mit Roger Martinelli verfassten Erklärung (vgl. Z 83, 2010) begründete er den Schritt: Der PCF habe „den Bezug zur Realität und jene Lebendigkeit des Denkens eingebüßt, die doch seine größte Stärke gewesen waren. Ohne diese Lebensquelle aber ist nur noch das Gewicht eines Apparates geblieben, der am Ende sein eigenes Überleben für wichtiger hält als die Erreichung politischer Ziele.“ Sève plädierte bereits 1998 (Z 33) für eine „kommunistische Zielvorstellung“ und betonte die Veränderungen des Kapitalismus im 20. Jahrhundert, insbesondere die gewachsene Bedeutung des Finanzkapitals, des Managements, des Dienstleistungssektors und der Computertechnologie. In einem Beitrag über die Dialektik der Natur (Z 27, 1996) würdigt er Engels‘ Verdienste um die Entwicklung einer Theorie des „Gesamtzusammenhangs“, benennt dabei „blinde Punkte“ und verlangt nach „Vertiefung ihrer Begründungen und Überschreitung ihrer Grenzen“ – angesichts der heutigen existentiellen Krisen im Mensch-Natur-Verhältnis ein hochaktuelles Programm. (Red.)

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L’Humanité: Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 wird von den Leitmedien als „Tod des Kommunismus“ verstanden. Sie haben soeben Ihr Buch Le Communisme? veröffentlicht, in dem Sie ganz im Gegenteil von dessen brennender Aktualität ausgehen. Wie sollen wir verstehen, was sich im 20. Jahrhundert ereignet hat?

Lucien Sève: Um ganz kurz zusammenzufassen, was ich in diesem dicken Buch entwickle, ausgehend von einer umfangreichen Auseinandersetzung mit Stalin und dem Stalinismus, werde ich mit einem einzigen Satz antworten, der natürlich eine ausführliche Begründung erfordert: Was Ende 1989, mit dem Fall der Berliner Mauer, dann 1991, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, unter der im Kern betrügerischen Bezeichnung „Kommunismus“ zu Ende ging, hatte mit Kommunismus im authentischen Marxschen Sinne nichts zu tun. Der Sieg der bolschewistischen Revolution in Russland im Jahr 1917 hatte den falschen Eindruck erweckt, als stünde die Ära des Kommunismus kurz bevor. Aber 1921, nach dem Sieg im schrecklichen Bürgerkrieg, den die zaristischen Offiziere mit militärischer Unterstützung der kapitalistischen Länder entfesselt hatten, war Lenin so weitsichtig zu begreifen, dass der Übergang Russlands zum Sozialismus, verstanden als erste Phase des Kommunismus, für lange Zeit unmöglich sein würde. Man war historisch zu früh gekommen. Wir haben zwar die ganze Macht, sagte er, aber „wir sind rückständig“, „wir sind nicht zivilisiert genug“, eine Zukunft aufzubauen, wie wir sie uns vorstellen, wird noch Jahrzehnte brauchen. Deswegen entschied er sich für eine politische Option, die „Neue Ökonomische Politik“ (NÖP), in deren Rahmen die materiellen und kulturellen Voraussetzungen entstehen sollten, die erst den Übergang zum Sozialismus ermöglichen würden.Die Katastrophe ist der Tod Lenins im Jahr 1924. Stalin hielt sich für stärker. Er würde zeigen, dass der Sozialismus auch kurzfristig zu erreichen sei: durch Beendigung der NÖP, die Vergewaltigung der Bauern und Arbeiter, die brutale Ausschaltung und schließlich Liquidierung seiner Gegner. Indem er sich von Lenin abwand, den er hasste, führte er die Sowjetunion, wie der große Historiker der UdSSR Moshe Lewin zeigt, auf einen national-etatistischen Weg, der mit der kommunistischen Zielvorstellung von Marx nichts zu tun hatte. Diese hat er nie verstanden und hielt sie vielmehr für pure Utopie, wie ich in meinem Buch beweise. Mit dem blutigen Kampf gegen einen großen Teil der Bauernschaft und dem Erfolg der Fünfjahrespläne, der von den Arbeitern teuer bezahlt wurde, schlägt die UdSSR einen Weg ein, den Lewin „Entwicklung ohne Emanzipation“ nennt.

Die Oktoberrevolution, die doch weltweit als Schritt zur Emanzipation begriffen wurde, ist also zu verurteilen?

Der revolutionäre Ursprung des Regimes, die Beseitigung der Ausbeuterklassen, der tödliche Hass seitens des internationalen Kapitals und die weitgehend blinde Unterstützung durch die revolutionären Kräfte der ganzen Welt trugen dazu bei, die irreführende Behauptung zu stützen, dass das, was im Osten aufgebaut wurde, tatsächlich „Kommunismus“ sei ; eine Lehre, der alle Parteien der Dritten Internationale folgen müssen – ein schreckliches Missverständnis. Dieses breitet sich nach dem Zweiten Weltkrieg noch weiter aus: Die „Volksdemokratien“ Europas, die Revolutionen von Peking bis Havanna, die kommunistischen Parteien der ganzen Welt müssen der düsteren Logik der Stalinisierung folgen. Dies verhindert zwar nicht den sozialen Fortschritt der einen und die Kämpfe für Emanzipation der anderen, setzt diesen aber Grenzen, widerspricht ihnen ernsthaft. Was hat diese Logik so unerbittlich gemacht? Es ist die Verbindung zwischen objektiver Unreife und subjektiver Unfähigkeit. Unreife: Nicht nur dass die Revolutionen des letzten Jahrhunderts nur in Ländern mit niedrigem materiellen und kulturellen Entwicklungsstand stattgefunden hatten; selbst in den fortschrittlichsten Ländern der Welt ist die Arbeiterklasse nicht bereit, das allgemeine Schicksal bestimmen zu können. Unfähigkeit: Im Stalinismus erzogen, haben die Kommunisten nirgendwo wirklich gelernt, als Kommunisten im Marxschen Sinne zu denken und zu handeln. Wichtigste politische Schlussfolgerung, leider viel zu wenig verstanden: Was am Ende des letzten Jahrhunderts unter dem irreführenden Namen „Kommunismus“ verstarb, war dem Kommunismus zutiefst fremd, und genau daran ist er letztlich gestorben.

Inwiefern entspricht jener Kommunismus, den Sie als „Marxsche kommunistische Zielvorstellung“ bezeichnen, den heutigen Bedingungen?

Genau diese Frage versuche ich im zweiten Teil meines Buches zu beantworten. Denn wenn der letzte Grund für das Scheitern von gestern der verfrühte Übergang zur klassenlosen Gesellschaft gewesen ist, der im Kommunistischen Manifest so genial, aber zwei Jahrhunderte zu früh, angekündigt wurde, dann stellt sich folgende entscheidende Frage: Trifft der Fortschritt zum Kommunismus heute endlich auf historisch reife Bedingungen, und zwar sowohl in lokalem wie globalem Maßstab? Ich glaube, wir haben gute Gründe, darauf mit Ja zu antworten, was von immenser praktischer Bedeutung ist. Ich kann hier nur auf die Schlüssigkeit des Arguments verweisen. Zunächst einmal ist die sofortige Überwindung des Kapitalismus schon deshalb eine reife Aufgabe, weil wir buchstäblich keine andere Wahl haben. Die globale Diktatur des finanziellen Profits führt uns in die bevorstehende ökologische Katastrophe, die von allen wahrgenommen wird und zugleich in eine Menschheitskatastrophe, von der unglaublich wenig die Rede ist. Der Übergang zu einem nachhaltigen Post-Kapitalismus ist eine Überlebensfrage für die zivilisierte Menschheit. Das System ist in eine Phase selbstmörderischen Wahnsinns eingetreten: der Kapitalismus der „New Economy“ und der Plattformen zerstört den sozialen Charakter der Arbeit, er opfert die reale Wirtschaft der „Bulimie“ der virtuellen Reichtumsblasen, die ständig zu explodieren drohen. Er zeigt immer offener seinen parasitären Charakter und verzichtet auf jede zivilisatorische Rechtfertigung. Die Ideologie Kaliforniens soll die menschliche Zukunft bestimmen - die gigantische Gefahr des 21. Jahrhunderts ist weniger der wiederauflebende Faschismus von gestern als die erschreckende Allmacht der neuen Milliardäre. Dies sind zwei Gründe, warum die Zeit für den Kommunismus reif ist; leider sprechen sie aber auch dafür, das Schlimmste zu befürchten: Der Kapitalismus wird nicht von selbst zusammenbrechen, er hat immer noch die Kraft, uns alle in den Tod zu führen, wie jene Flugzeugpiloten, die mit ihren Passagieren Selbstmord begehen. Er drängt uns dazu, ins Cockpit zu gehen und gemeinsam die Kontrolle zu übernehmen. An dieser Stelle ist ein dritter Grund zu erwähnen, derzeit noch wenig beachtet, aber zunehmend bedeutsam, wenn auch unterschätzt: Das „Der Kommunismus ist schon da“, sei es als Möglichkeit, sei es als Realität, verbreitet sich überall.

„Der Kommunismus ist schon da"? Was verstehen Sie darunter?

Gigantische technologische Möglichkeiten für das Wohlergehen aller, Ansätze für menschliche Beziehungen außerhalb der Klassen, unwiderstehlicher Fortschritt der menschlichen Emanzipation, verbunden mit der wachsende Rolle der Frauen, eine Fülle von Initiativen durch Einzelpersonen und Völker, ihr Schicksal und damit das unsere in die eigenen Hände zu nehmen... Wir sind noch weit vom Ziel entfernt, und doch ist es in gewisser Weise in Reichweite. Was fehlt auf tragische Weise? Ich will sagen: Es fehlt die intellektuelle Kühnheit, die Zeit für den Übergang zum Kommunismus jetzt für gekommen zu halten, zu nichts Geringerem als zum Kommunismus. Das entscheidende Hindernis ist nicht der Gegner, sondern sind wir selbst. Die wirklich entscheidende Aufgabe ist heute die Bewusstwerdung. Einen Monat vor dem Fall der Berliner Mauer sagte Michail Gorbatschow vor den Führern der DDR: „Wer politisch zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Auch für uns eine Bemerkung von schreiender Aktualität.

Interview : Pierre Chaillan

Quelle : L‘Humanité online, 23. März 2020.

Übersetzung aus dem Französischen: Jörg Goldberg

[1] maitron.fr/spip.php?article173192