Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 110, Juni 2017 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/137.ausgabe-110-juni-2017.html

Engels, Revolution, Krieg

Georg Fülberth

*

Mit dem November 1989 wurde eine Tür zugeschlagen. Diese schloss die materialistische Geschichtsauffassung von der Zukunft aus und sperrte sie ins neunzehnte Jahrhundert ein. Manchmal verband sich damit auch der Vorschlag, das Werk von Karl Marx und Friedrich Engels zu akademisieren. Auf diese Weise ist immerhin die Marx-Engels-Gesamtausgabe, die MEGA, gerettet worden. Sie wurde fortgesetzt und wird mit staatlichen Mitteln der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Länder finanziert unter der Maßgabe, dass es sich um ein ausschließlich philologisches Projekt handele, in dem die Schriften von Marx und Engels ebenso als auf das 19. Jahrhundert begrenzte Angelegenheit ediert werden wie z. B. diejenigen Alexander von Humboldts, Jean Paul und der Brüder Grimm.

Die Enthistorisierung des Marxismus nimmt derzeit zwei Formen an.

Erstens in flacher Aktualisierung nach der Losung: „Sollte Marx nicht vielleicht doch Recht haben?“ Dies hört man immer wieder einmal, wenn es in der kapitalistischen Wirtschaft nicht recht rund läuft.

Die zweite Enthistorisierung ist ernster zu nehmen und letztlich erkenntnistheoretischer Natur. Gemeint ist die so genannte „Neue Marx-Lektüre“. Sie versucht aus dem „Kapital“ von Karl Max überzeitliche logische Strukturen herauszukristallisieren, die aus ihrem historischen Zusammenhang herausgelöst sind.

Im Folgenden soll historisierend verfahren werden. Dabei stellt sich die Frage, ob eine Theorie von den unmittelbaren Umständen, in denen sie entsteht und oder angewandt werden muss, bestimmt ist und ob sie aus ihnen herausgelöst werden kann. Inwieweit ist also die materialistische Geschichtsauffassung und die aus ihr gefolgerte Politik durch das 19. Jahrhundert geprägt worden?

Zur Beantwortung dieser Frage ist es notwendig, dieses 19. Jahrhundert zu charakterisieren. Es war erstens durch die industrielle Revolution, zweitens durch die politische Revolution und drittens durch den Krieg bestimmt. Der erste Punkt – industrielle Revolution – ist evident und wird deshalb hier nicht weiter erörtert, der zweite bedarf einer etwas näheren Erklärung, der dritte mag überraschen.

1.

Zunächst zum zweiten Punkt: politische Revolution.

Fasst man das 19. Jahrhundert nicht kalendarisch, also vom 1. Januar 1801 bis zum 31. Dezember 1900, sondern mit Eric Hobsbawm als das „Lange 19. Jahrhundert“, dann steht an seinem Anfang eine – ebenso in einer Formulierung von Hobsbawm – Doppelrevolution: die Industrielle Revolution in England und die große politische und gesellschaftliche Revolution in Frankreich. Beide haben dieses Jahrhundert beherrscht, auch die politische Revolution. Mit ihr entsteht nicht nur die Linke, sondern auch die Rechte, die es vorher nicht gab. Diese Rechte war hypnotisiert von der Revolution und von der Notwendigkeit ihrer Rückgängigmachung in Frankreich sowie ihrer Verhinderung in ganz Europa. Das war die Politik der Heiligen Allianz von 1815, von Metternich bis 1848 und die Staatsraison aller europäischen Staaten vor 1914. Auch die Mitte, die sich herausbildete, der Liberalismus mit seinen verschiedenen Varianten einschließlich des Sozialliberalismus, ging von der Notwendigkeit aus, einer Revolution vorzubeugen. Diese Revolution lag nicht in weiter Ferne, sie galt als präsent und musste aktuell bekämpft werden. Das Bild vom alten Maulwurf wurde zwar auf der Linken, so von Marx, verwandt, aber es war Gemeingut. Der alte Maulwurf war da – natürlich auch für die Linke. Die Präsenz der potentiellen Revolution prägte ebenfalls die Theorien in ihrer allgemeinen Form. Bei Marx und Engels ist das Revolutionsbewusstsein die Voraussetzung der Entstehung des Historischen Materialismus und Letztere genau datierbar: 1844. In den „Deutsch-französischen Jahrbüchern“ erörtert Marx erst die Möglichkeiten einer allgemeinen Revolution und entdeckt dabei das Proletariat. Von da aus kann es dann weitergehen zur Kritik der Politischen Ökonomie, die also, anders als bei Adam Smith und David Ricardo, nicht nur die Analyse einer bestehenden Gesellschaft ist, sondern auch der Möglichkeit ihrer Aufhebung. An gleicher Stelle, ebenfalls 1844 und ebenfalls in den „Deutsch-französischen Jahrbüchern“, schrieb Friedrich Engels in seinen „Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie“, die Konkurrenz sei ein „Gesetz, das die Revolution erzeugt“[1] Damit wird Kritik der Politischen Ökonomie von Anfang an zugleich zur Revolutionstheorie. Diese Kombination aus Kritik der Politischen Ökonomie und Revolutionstheorie bestimmt auch die großen wissenschaftlichen Ausarbeitungen aufgrund der materialistischen Geschichtsauffassung, die am Beginn des 20. Jahrhunderts – tatsächlich am Vorabend einer großen Revolution – erscheinen sollten: „Das Finanzkapital“ von Rudolf Hilferding (1910), „Die Akkumulation des Kapitals“ von Rosa Luxemburg (1913) und „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ von Wladimir I. Lenin (1917). Nach 1945 findet sie sich z. B. in den Werken Ernest Mandels.[2]

Marxistische Kritik der Politischen Ökonomie im 19. und bei einigen Theoretikern noch des 20. Jahrhunderts war Revolutionswissenschaft. Ist sie das nicht, ist sie Volkswirtschafts- oder Betriebswirtschaftslehre und gehört in einen anderen Zusammenhang.

Kritik der Politischen Ökonomie wird geformt – Vertreter einer zweckfreien Wissenschaft werden sagen: deformiert – durch die Revolutionserwartung. Gleiches gilt bei Marx und Engels auch für die Politik: Sie betreiben Politik unter Revolutionsvorbehalt. Dabei ist Revolution für sie nicht eine Sache der langfristigen Perspektive, sondern der nächsten Jahre. 1850-1852 widersetzten sie sich zwar voluntaristisch-putschistischen Erwartungen im „Bund der Kommunisten“. Der qualitative Unterschied betraf die materiellen oder nichtmateriellen Voraussetzungen revolutionärer Politik, der quantitative aber nur wenige Jahre. Die nächste Revolution, so schrieb Marx 1850, werde mit der nächsten Krise kommen. Als diese 1857 ausbrach, haben Marx und Engels diese Auffassung nicht aufgegeben. Dem scheint eine berühmte Stelle aus Marx’ Schrift: „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ von 1859 zu widersprechen: „Eine Gesellschaftsordnung geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.“[3]

Das klingt sehr ruhig und langfristig. Wer dieses Zitat so auslegen wollte, als vertrage es sich auch mit der Prognose, dass der Kapitalismus vielleicht noch weitere 500 Jahre vor sich habe, mag Recht oder Unrecht haben, Marx aber sah das jedenfalls anders. Er war durchaus der Ansicht, dass in seiner eigenen Zeit und Lebenserwartung oder wenigstens bald danach der Zeitpunkt gekommen sei, in dem „die materiellen Existenzbedingungen“ der neuen Gesellschaft „im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“ Die Revolution, über die Marx und Engels nachdachten, war eine Revolution des 19. Jahrhunderts und unter den Bedingungen dieses 19. Jahrhunderts. Von da aus erklärt sich auch die hektische Aktivität, mit denen sie den Fraktionskampf in der Arbeiterbewegung führten: es kam darauf an, im Moment der Revolution über die volle Schlagkraft einer zielbewussten Partei und aufgeklärter Massen zu verfügen. Wer die in dichter Frequenz abgeschickten Briefe liest, mit denen Engels in die Vorbereitung des internationalen Sozialistenkongresses 1889 eingriff, und wer die Briefe kennt, mit denen Lenin im Oktober und November 1917 aus seinem Versteck heraus die Entscheidungen der Bolschewiki zu beeinflussen suchte, entdeckt Parallelen: es ging um die unmittelbare Gegenwart.

2.

Die dritte Koordinate des 19. Jahrhunderts (neben der vorstehend nicht behandelten Industriellen Revolution und der politischen Revolution) war der Krieg.

Hier ist eine These Eric Hobsbawms etwas zu modifizieren: Vor dem Hintergrund des „Zeitalters der Katastrophen“ 1914-1945 erschien ihm das Lange Neunzehnte Jahrhundert als ein friedliches Jahrhundert. Das war richtig für die Jahre 1815-1853 – also zwischen den napoleonischen Kriegen und dem Krimkrieg – und von 1871 bis 1914, aber nicht für die Zeit 1789-1815. Zwischen 1861 und 1871 ist die italienische und deutsche nationale Einheit durch Kriege herbeigeführt worden und fand der US-amerikanische Bürgerkrieg statt, von den britischen Kolonialkriegen ganz zu schweigen. Man hat sich angewöhnt, die Ergebnisse der preußischen Kriege 1864-1871 als Revolution von oben zu bezeichnen. Zum Bild vom friedlichen 19. Jahrhundert passen auch ganz und gar nicht die konterrevolutionären Blutbäder der Pariser Junischlacht 1848 und der Niederwerfung der Pariser Kommune im Mai 1871, exekutiert vom regulären Militär einer parlamentarischen Republik. Und was die gute alte Zeit des Friedens 1871-1914 angeht, so war sie nicht nur eine Periode des Wettrüstens, sondern auch der ständigen akuten Kriegserwartung. In den Briefen, die Bebel und Engels wechselten, wird immer wieder einmal der Krieg noch im nächsten Jahr erwartet. Das Diktum von Clausewitz, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, war im 19. Jahrhundert Gemeingut, auch für Marx und Engels. Wenn sie über Politik nachdachten, mussten sie auch über den Krieg nachdenken: nicht nur über den Bürgerkrieg, sondern auch über die Möglichkeit großer Kriege als Rahmen revolutionärer Politik. Insofern waren sie Bellizisten wie fast alle ihre Zeitgenossen. Innerhalb ihrer Arbeitsteilung fiel dabei das militärische Ressort Friedrich Engels zu. Er eignete sich dafür aufgrund einiger persönlicher Prägungen.

Dazu gehört sein Jahr als Einjährig Freiwilliger bei der Artillerie in Berlin 1841/42. Diese militärische Ausbildung ist offenbar nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Bis in seine spätesten Jahre bediente Engels sich in seinen Schriften und Briefen gern einer artilleristischen Metaphorik, etwa wenn er ankündigte, der dritte Band des „Kapital“ werde „wie eine Bombe einschlagen“[4]. Überhaupt die „Bombe“! Sie platzt bei Engels immer wieder einmal, zum Beispiel wenn er am 5. April 1889 an Wilhelm Liebknecht schrieb, ein unter dem Namen Eduard Bernsteins veröffentlichtes und von ihm zumindest redigiertes (wenn nicht auch zumindest mitverfasstes) Pamphlet habe „eingeschlagen wie eine Bombe und ein kolossales Loch gerissen“[5]. In seinen späteren strategischen Erörterungen werden häufig Stellungen „geräumt“ und „genommen“. Auch Marx benutzte die – ja auch heute noch gebräuchliche – Bomben-Metapher (z.B. in seinem Brief an Engels vom 20. Juli 1879)[6], aber nicht so massenhaft wie Engels und vielleicht unter seinem stilistischen Einfluss.

Allerdings ist das Jahr bei der Artillerie nur die erste von insgesamt drei Phasen der militärtheoretischen und -praktischen Entwicklung von Friedrich Engels gewesen. Die zweite erfuhr er 1849 als Freischärler in Baden und in der Pfalz, die dritte durch seine ständigen militärwissenschaftlichen Studien seit den fünfziger Jahren. Mit dem Jahr 1848 geriet die internationale Politik in den Horizont von Marx und Engels. Im Mai 1849 hatten russische Truppen an der Seite der Habsburger die ungarische Revolution niedergeschlagen. Das Zarentum war der Garant der Fortdauer der alten Ordnung in Europa. Seine Intervention gegen eine etwaige siegreiche Revolution in Deutschland musste als sicher gelten. Die Feindschaft gegen den Zarismus war seitdem eine Konstante in allen Überlegungen von Marx und Engels zur internationalen Politik. Ihre zweite Gegnerschaft galt den internationalen Hegemoniebestrebungen Louis Bonapartes, die er auch zur Stabilisierung seiner Herrschaft im Innern verfolgte. Nach seinem Sturz 1870 und der Errichtung der Dritten Republik war der Zarismus für Marx und Engels der zentrale internationale Feind einer künftigen deutschen Revolution.

Bei der Analyse dieser Kräfteverhältnisse richtete Engels seine Aufmerksamkeit auf die militärische Schlagkraft der russischen Autokratie, des französischen Bonapartismus und Preußen-Deutschlands. Dies wurde in den folgenden Jahren eines seiner Spezialgebiete. Im Londoner Exil absolvierte er anhand einschlägiger Literatur ein autodidaktisches Studium in Militärfragen und erwarb sich eine Kompetenz, die ihn später zu einem gesuchten Autor auch in nichtsozialistischen Blättern – zum Beispiel dem „Manchester Guardian“ und der „Pall Mall Gazette“ – machte. (In der Familie Marx und in seinem sonstigen engeren Umfeld nannte man ihn „General“.) Dabei verband er das Fachurteil durchaus auch mit Wertungen, die sich aus den von ihm und Marx seit 1848 entwickelten Ansichten zur internationalen Politik und zu den Etappen der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft (bis hin zu deren schließlicher Aufhebung) ergaben. Beide hatten in diesem Jahr einen Krieg gegen das zaristische Russland zur Verteidigung der deutschen Revolution für letztlich notwendig gehalten. Ebenso befürworteten sie ein energisches Vorgehen Englands und Frankreichs im Krimkrieg 1853-1856 und warfen diesen Zurückhaltung, die aus der Furcht vor revolutionären Konsequenzen resultiere, vor. Der Sieg der industrialisierten Nordstaaten der USA über den sklavenhaltenden Süden im Bürgerkrieg 1861-1865 erschien ihnen historisch folgerichtig und wurde von ihnen begrüßt. Engels’ militärische Fachkritik sah auch hier einen letztlich klassenbedingten Mangel an Konsequenz des Vorgehens: Der Krieg sollte im Interesse der Bourgeoisie nicht zu jenem revolutionären Krieg werden, den einige deutsche Emigranten von 1848/49 (darunter sein ehemaliger Kommandant Willich) führen wollten.

Bis zum Sturz Napoleons III. und der Ausrufung der Dritten Republik 1870 begrüßten Marx und Engels einen Sieg der verbündeten deutschen Staaten. Danach entwarf Engels Betrachtungen über einen Feldzugsplan zur Verteidigung Frankreichs. Vorher hatte er sich enthusiastisch über die Tüchtigkeit der deutschen Truppen geäußert: „Was sagst Du aber zu unsern Soldaten, die eine verschanzte Position gegen Mitrailleusen und Hinterlader mit dem Bajonett nehmen? молодецЪ!“[7]

Diese Stelle ist zweifellos interpretationsbedürftig, und zwar im Lichte der Erfahrungen, die Engels in der deutschen Revolution 1848/1849 gemacht hatte. In seiner Schrift „Die deutsche Reichsverfassungskampagne“ (1850) hatte er u.a. die militärische Untüchtigkeit eines Großteils der Aufständischen beschrieben. Diese ergab sich letztlich aus der in seiner Ausarbeitung „Revolution und Gegenrevolution in Deutschland“ (1851/1852) analysierten gesamtgesellschaftlichen Situation: Durch die Selbst-Unterwerfung der Bourgeoisie unter die Regierungen war die revolutionäre Bewegung gespalten, das Kleinbürgertum politisch geschwächt. Das Proletariat war zahlenmäßig noch zu klein und konnte keinen ausschlaggebenden Einfluss gewinnen. Die Aussichtslosigkeit der bewaffneten Aktion hatte ihre Kopflosigkeit zur Folge. In dem Maße, in dem die industrielle Entwicklung voranschritt und die bisherigen Mittelschichten in die Arbeiterklasse absanken, wuchs deren Bedeutung. Der Zeitpunkt war abzusehen, in dem aufgrund der allgemeinen Wehrpflicht die Mehrheit der Armeen aus Proletariern bestehen werde. Dies war von Wichtigkeit im Moment der Revolution, in dem das Kräfteverhältnis entweder zu einer Neutralisierung oder gar einem Seitenwechsel der Streitkräfte führen würde (wie – von Engels nicht vorhersehbar – in Russland im Februar 1917) oder die Aufständischen eigene, durch den Wehrdienst gut ausgebildete Formationen einsetzen könnten (wie in der Oktoberrevolution 1917). Für Marx war der Sieg deutscher Waffen 1870 u. a. sogar ein Beitrag zum Fraktionskampf: „Siegen die Preußen, so die Zentralisation der state power nützlich der Zentralisation der deutschen Arbeiterklasse. Das deutsche Übergewicht würde ferner den Schwerpunkt der westeuropäischen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland verlegen, und man hat bloß die Bewegung von 1866 bis jetzt in beiden Ländern zu vergleichen, um zu sehn, daß die deutsche Arbeiterklasse theoretisch und organisatorisch der französischen überlegen ist. Ihr Übergewicht auf dem Welttheater wäre zugleich das Übergewicht unsrer Theorie über die Proudhons etc.“[8]

Mag diese Überlegung heute makaber klingen, so entsprach sie doch einer Vorstellung auch Engels’ von einer Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, in der alle Teilelemente, auch die Waffengewalt, auf einen revolutionären Reifepunkt hinliefen.

Man findet diese Betrachtungsweise auch noch in seinem so genannten politischen Testament von 1895, seiner Einleitung zu Marx’ wieder aufgelegter Schrift „Die Klassenkämpfe in Frankreich“ von 1850. Diese ist bis heute vor allem als Absage an die alte Barrikaden-Kampfweise interpretiert worden. Angesichts der modernen Waffentechnik und des neuen Städtebaus mit seinen Boulevards, die den Kanonen freies Schussfeld geben, sei das aussichtslos und auch gar nicht mehr nötig. Wenn die Arbeiterorganisationen sich im Kapillarsystem der Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft so ausgebreitet hätten, dass sie daraus nicht mehr vertrieben werden könnten, dann bedeute das zwar keinen friedlichen Übergang zum Sozialismus, aber eine Infragestellung der bisherigen Hegemonie der herrschenden Klassen. Es steige dann die Gefahr des militärischen Staatsstreichs und die Notwendigkeit revolutionärer Gegengewalt.

Zu diesem späten Zeitpunkt, kurz vor Engels’ Tod, waren diese Überlegungen nur noch eine Nebenlinie. Seine bis dahin hörbare etwas frisch-fröhliche Zuversicht in Militärdingen war jetzt der Angst vor einem großen europäischen Krieg gewichen. Wie Bismarck war er geplagt vom „cauchemar des coalitions“, dem Alptraum einer russisch-französischen Allianz und einem daraus resultierenden militärischen Konflikt, in dem jede Revolutionsperspektive untergehe. Sie ging sogar so weit, dass er sich eine Situation vorstellte, in der die deutschen Arbeiter die Waffen in einem Verteidigungskrieg gegen eine solche Koalition ergreifen müssten: „Wenn aber der Sieg der Russen über Deutschland die Erdrückung des deutschen Sozialismus bedeutet, was wird dann, gegenüber einer solchen Aussicht, die Pflicht der deutschen Sozialisten sein? Sollen sie die Ereignisse passiv über sich ergehen lassen, die ihnen Vernichtung drohn, sollen sie widerstandslos den Posten räumen, für den sie die Verantwortung übernommen haben vor dem Proletariat der ganzen Welt?

Keineswegs. Im Interesse der europäischen Revolution sind sie verbunden, alle eroberten Stellungen zu behaupten, nicht zu kapitulieren, ebenso wenig vor dem äußern wie vor dem innern Feind. Und das können sie nur, indem sie bis aufs äußerste Rußland bekämpfen und alle seine Bundesgenossen, wer sie auch seien. Sollte die französische Republik sich in den Dienst Seiner Majestät des Zaren und Selbstherrschers aller Reußen stellen, so würden die deutschen Sozialisten sie mit Leidwesen bekämpfen, aber bekämpfen würden sie sie. Gegenüber dem deutschen Kaisertum kann die französische Republik möglicherweise die bürgerliche Revolution repräsentieren. Aber gegenüber der Republik eines Constans, eines Rouvier und selbst eines Clemenceau, besonders aber gegenüber der Republik im Dienste des russischen Zaren repräsentiert der deutsche Sozialismus unbedingt die proletarische Revolution.“ [9] Darauf hat sich die SPD ab dem 4. August 1914 berufen. Es zeigt eine Grenze Engelsschen Denkens letztlich aus einer Ohnmachtsposition heraus: wenn nämlich die Revolution dem Krieg nicht zuvorkommt. Dann siegt eben die Außenpolitik, die laut Peter Hacks das Geistlose an der Politik ist.

Diese Wendung, die Engels das Katastrophenpotential eines Weltkriegs nicht nur als Chance, sondern auch als eine Gefahr für die Revolutionsperspektive erkennen lässt, ist zwischen 1887/1888 einerseits und 1889 andererseits zu beobachten.

In seiner Einleitung zu Sigismund Borkheims Broschüre „Zur Erinnerung an die deutschen Mordspatrioten. 1806-1807“, geschrieben 1887, veröffentlicht 1888, führte Engels aus: „Und endlich ist kein andrer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebs in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, daß die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehn, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird; nur ein Resultat absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Siegs der Arbeiterklasse. Das ist die Aussicht, wenn das auf die Spitze getriebene System der gegenseitigen Überbietung in Kriegsrüstungen endlich seine unvermeidlichen Früchte trägt. Das ist es, meine Herren Fürsten und Staatsmänner, wohin Sie in Ihrer Weisheit das alte Europa gebracht haben. Und wenn Ihnen nichts andres mehr übrigbleibt, als den letzten großen Kriegstanz zu beginnen, uns kann es recht sein. Der Krieg mag uns vielleicht momentan in den Hintergrund drängen, mag uns manche schon eroberte Position entreißen. Aber wenn Sie die Mächte entfesselt haben, die Sie dann nicht wieder werden bändigen können, so mag es gehn wie es will: am Schluß der Tragödie sind Sie ruiniert und ist der Sieg des Proletariats entweder schon errungen oder doch unvermeidlich.“[10] .

Anders äußerte sich Engels im März 1889 in einem Brief an Marx´ Schwiegersohn Paul Lafargue. 1888 hatte der ehemalige General Georges Boulanger eine rechtspopulistische Massenbewegung entfacht, die sich gegen die Eliten der Dritten Republik richtete, mit starker Betonung ihrer Korruption. Lafargue sah in deren Zulauf – nicht nur von Bauern und Kleinbürgern, sondern auch von Arbeitern – den Ausdruck einer vorrevolutionären Situation. Man dürfe sich nicht frontal gegen Boulanger stellen, sondern müsse seine Anhängerinnen und Anhänger dort abholen, wo sie stehen. Engels wandte sich scharf dagegen. Boulanger werde im Fall seines Sieges seine Versprechen nicht einholen können. Dann werde er seine stärkste Karte spielen, den Chauvinismus und im Bündnis mit Russland in den Krieg gegen Deutschland ziehen – er bedeute den Krieg. Lafargue schreckte das nicht. Prima, antwortete er, der Krieg bedeute die allgemeine Volksbewaffnung, und die allgemeine Volksbewaffnung sei die Revolution. Hierüber war Engels außer sich. Einen Weltkrieg auf dem neuesten Stand der Waffentechnik beschrieb er in seinen rein militärischen Einzelheiten wie noch in dem Text zu Borkheim, jedoch anders, was dies für das Verhältnis von Revolution und Konterrevolution anging: „Was einen Krieg betrifft, so ist er für mich die schrecklichste aller Möglichkeiten. Sonst würde ich mich den Teufel um die Launen von Madame Frankreich scheren. Aber ein Krieg, in dem es 10 bis 15 Millionen Kämpfende geben wird, der, allein um sie zu ernähren, eine noch nie dagewesene Verwüstung mit sich bringen wird; ein Krieg, der eine verstärkte und allgemeine Unterdrückung unserer Bewegung, eine Verschärfung des Chauvinismus in allen Ländern und schließlich eine Schwächung mit sich bringen wird, zehnmal schlimmer als nach 1815, eine Periode der Reaktion als Folge der Erschöpfung aller ausgebluteten Völker – und alles dies gegen die geringe Chance, daß aus diesem erbitterten Krieg eine Revolution hervorgeht – das entsetzt mich. Besonders wegen unserer Bewegung in Deutschland, die niedergeworfen, zermalmt und mit Gewalt vernichtet würde, während der Friede uns den fast sicheren Sieg bringt. Und Frankreich könnte während dieses Krieges keine Revolution machen, ohne seinen einzigen Verbündeten, Rußland, in die Arme Bismarcks zu treiben und sich durch eine Koalition vernichtet zu sehen. Die geringste revolutionäre Bewegung wäre Vaterlandsverrat. Wie würde die russische Diplomatie da lachen!“[11]

Dieses realistische Schreckensbild hatte Engels sich durch das Studium der Rüstungsentwicklung erarbeitet. Eine Scheitelerfahrung auf dem Weg dahin war für ihn der Krimkrieg. Dieser hat auf zwei Intellektuelle des 19. Jahrhunderts eine entscheidende Wirkung. Der eine war Lev Tolstoi. Er hatte im Krimkrieg als Offizier gekämpft. In seinem Roman „Krieg und Frieden“ projizierte er in der furchtbaren Lazarettszene das, was er da gesehen hatte, in das Jahr 1812 zurück. Der andere war Engels. Der Weltkrieg war für ihn das Ende aller Hoffnungen für die Arbeiterbewegung, er war die Konterrevolution schlechthin, in der – von ihm selber erst halb begreifbar – die einst revolutionären Parteien Kriegsparteien wurden. Das, was 1917 geschah, konnte er sich 1889 nicht vorstellen. Seine Darlegung nahm den Materialkrieg 1914-1918 vorweg, nicht aber den Vernichtungskrieg 1939-1945 und die Perspektive eines Atomkriegs ab 1945.

Letztlich hielt Engels auch unter den Bedingungen des 19. Jahrhunderts wenig von der durch ihn 1887/1888 immerhin einmal erwogenen Möglichkeit, dass ein Weltkrieg eine Revolution nach sich ziehen könne. Umgekehrt: die soziale Revolution müsse dem Krieg zuvorkommen, indem sie die herrschenden Klassen zum Frieden zwinge. Eine operative Losung auf diesem Weg war für ihn die Forderung nach Einfuhr eines Milizsystems nach dem Vorbild der Schweiz.[12]

3.

Das 19. Jahrhundert war für Friedrich Engels das Zeitalter der noch führbaren Kriege gewesen. Das 20. wurde das Jahrhundert der nicht mehr führbaren Kriege, die aber dennoch geführt wurden. Mit ihnen wäre Engels endgültig am Ende mit seinem Latein gewesen.

Und im 21. Jahrhundert? Da wäre er völlig fremd gewesen. In seiner Zeit hatte er gern Umgang mit Naturwissenschaftlern gehabt, darunter dem Chemiker Viktor Paul, einem der Gründer der späteren Farbwerke Hoechst. Besonders eng war seine Beziehung zu dem Chemiker Carl Schorlemmer in Manchester, der mehrere Elemente entdeckt hatte und Kommunist war. Wenn Schorlemmer zu einer politischen Versammlung kam, erschien er zuweilen recht beschädigt: die Gesichtshaut war zerfetzt, weil ihm wieder einmal bei einem Versuch das Labor um die Ohren geflogen war. Das war eine typische Chemikererfahrung des 19. Jahrhunderts. Manche Chemiker hatten nur ein Auge, andere nur ein Ohr, als Schüler hatte Justus Liebig den Dachstock des elterlichen Hauses in Darmstadt in die Luft gejagt, als ihm ein Experiment missglückte. Das 19. Jahrhundert, das Revolutionsjahrhundert, war in den Naturwissenschaften auch das Jahrhundert der Experimente mit ungewissem Ausgang. Ein Teil dieser gefährlichen Experimente wird heute durch Modellierung und Simulation am Computer ersetzt. Ob Engels diesen Weg mitgehen würde, wissen wir nicht. Wir können annehmen, dass er ihn nur interessiert hätte, wenn es nach wie vor ein revolutionärer Weg wäre.

* Vortrag bei der Marxistischen Studienwoche 2017, Frankfurt/M., 13. März 2017.

[1] MEW 1: 514.

[2] U.a. Ernest Mandel, Der Spätkapitalismus. Versuch einer marxistischen Erklärung, 1972.

[3] MEW 13: 9.

[4] MEW 37: 103.

[5] MEW 37: 179.

[6] MEW 33: 7.

[7] Engels an Marx. MEW 33: 30. Russ. молодецЪ! (heutige Schreibung: молодец!) = Prachtkerl. Als umgangssprachlicher Ausruf: Bravo! Alle Achtung!

[8] Marx an Engels, 20. Juli 1870. MEW 33: 5. Hervorhebung: Marx.

[9] MEW 22: 255

[10] MEW 21: 350/351

[11] MEW 37: 171.

[12] MEW 21: 345; MEW 22: 369-399.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 110, Juni 2017

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