Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 110, Juni 2017 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/137.ausgabe-110-juni-2017.html

Karl Marx 1843-1848

Zum historischen Hintergrund von Raoul Pecks Film „Der junge Karl Marx"

Winfried Schwarz

Der Beitrag behandelt neun Schlüsselszenen des Films, jede auf drei Ebenen. Die erste Ebene ist die Filmszene selbst, die ich knapp wiedergebe, soweit sie mir nach mehrfachem Kinobesuch im Gedächtnis geblieben ist. Die zweite, genannt „biografische Grundlage“, stellt die den Szenen zugrunde liegenden historischen Sachverhalte vor, wie sie durch die Marx-Engels-Forschung verbürgt sind oder auch nicht. Derlei Kommentare sollen nicht besserwisserisch den Film zurechtrücken oder ihn gar kritisieren. Im Gegenteil, historische Fakten dienen der Erklärung des Films. Sicherlich gibt es interessante und weniger interessante solcher Fakten. Liest Marx im Film ein Buch, das erst drei Monate später erschienen ist, so wird das auf „Ebene Zwei“ zwar mitgeteilt, ist aber nicht besonders aufregend. Wenn aber erklärt wird, warum Wilhelm Weitling (wer war das überhaupt?) im Streit mit Marx von 40.000 Kriminellen spricht, die den kommunistischen Umsturz unterstützen sollen, dann ist das sicher auch für manche „Z“-Leser/innen neu. Die dritte Ebene („Hintergrund“) hätte ich nicht eingeführt, wenn ich sie nicht für besonders wichtig für alle diejenigen hielte, denen an Theorieentwicklung oder, wie man früher sagte, der Herausbildung des wissenschaftlichen Sozialismus gelegen ist. Vorlesen von Büchern ist in Filmen nur ausnahmsweise angebracht. Für die Wiedergabe von Texten eignen sich gedruckte Medien besser. Darum nutze ich die neun Filmszenen für kurze Zusammenfassungen derjenigen Werke und Studien (von Marx, Engels, auch Proudhon), die zum fraglichen Zeitpunkt entstehen oder entstanden sind, sofern es im Film einen Bezug darauf gibt.

1. Köln, März 1843: Verbot der Rheinischen Zeitung

In den Redaktionsräumen der „Rheinischen Zeitung“ wird hektisch das bevorstehende Verbot diskutiert. Marx rechtfertigt die oppositionelle Linie der Redaktion, erklärt aber, genug davon zu haben, infolge der Zensur nur „mit Nadelstichen statt mit Keulenschlägen“ für die Freiheit zu kämpfen; er wendet sich zugleich gegen den Junghegelianer Bruno Bauer, dessen und seiner Freunde vage Phrasen seine Tätigkeit erschwert hätten. Auch Arnold Ruge greift in die Diskussion ein. Moses Heß gibt sich wegen des Verbots gelassen. Mitten im Streit dringen Polizisten ein, verhaften Marx und andere. Die im Polizeiwagen angeketteten Arnold Ruge und Karl Marx beraten über neue Publikationspläne.

Biografische Grundlage. Am 12. Februar 1843 fand in Köln die Generalversammlung der „Rheinischen Zeitung“ statt, auf der Marx gegen die Absicht der Aktionäre protestierte, das für den 1. April beschlossene Verbot durch Entschärfung des Redaktionskurses doch noch rückgängig zu machen. Er trat im März, zwei Wochen vor dem Verbot, zurück. Damals verhandelte er bereits mit Ruge über die gemeinsame Herausgabe von „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, nachdem dessen „Deutsche Jahrbücher“ zeitgleich mit der „Rheinischen Zeitung“ verboten worden waren. Im Herbst übersiedelten sowohl die Familie Ruge als auch der frisch mit Jenny verheiratete Marx nach Paris.

Die Filmszene fasst die Redaktionsversammlung mit der Polizeiaktion zeitlich zusammen. Von den streitenden Autoren war bei der polizeilichen Schließung keiner wirklich in Köln. Ende März befanden sich Marx in Holland, Bruno Bauer in Berlin, Arnold Ruge in Dresden, Moses Heß in Paris.

Hintergrund. Die „Rheinische Zeitung“ war eine Gründung des liberalen rheinischen Großbürgertums, das aufgrund des innerhalb Preußens relativ hohen wirtschaftlichen Entwicklungsstandes des Rheinlands in Widerspruch zur halbfeudalen preußischen Monarchie geriet. Einige ihrer Aktionäre fühlten sich den Berliner Junghegelianern verbunden, einer radikalen politisch-philosophischen Strömung, die die Republik als Staatsform befürwortete und zum Teil der historischen Französischen Revolution anhing. Auch Marx zählte sich seit seinem Berliner Studium (1836-1841) dazu. Seine philosophisch begründete Ansicht, durch öffentliche Kritik sozialer Missstände den Preußischen Staat zu ihrer Beseitigung zu veranlassen, wurde erschüttert, als er in der Zeitung die harte Verfolgung von Holzdiebstahl und die von der Verwaltung missachtete Not der Winzer vergeblich anprangerte. Er begann, das Hegelsche Konzept eines selbständigen Staates über der bürgerlichen Gesellschaft zu hinterfragen, anders als die „ultralinke“ Fraktion der Junghegelianer um Bruno Bauer, die alles Bestehende durch geistige Kritik überwinden zu können glaubte. Marx schätzte in seiner Kölner Zeit und danach von den Junghegelianern besonders Ludwig Feuerbach und Arnold Ruge.

Arnold Ruge, 16 Jahre älter als Marx, war eine zentrale Figur im fortschrittlichen Geistesleben. Er gab seit 1838 Zeitschriften heraus, worin die Junghegelianer schrieben. Er hatte bereits 1830 vier Jahre Festungshaft hinter sich und wurde ab 1840 immer wieder mit Verboten seiner Zeitschriften konfrontiert – so 1841 der „Halleschen Jahrbücher“ und 1843 des Nachfolgeorgans „Deutsche Jahrbücher“ (wofür sowohl Engels als auch Marx Beiträge verfasst hatten). Nach dem Verbot der „Deutschen Jahrbücher“ radikalisierte sich Ruge und näherte sich vorübergehend sozialistischen Ansichten an, aus denen er eine „humanistische“ Revolution als Notwendigkeit ableitete.

Auch Moses Heß war Junghegelianer; er stand schon während seiner Mitarbeit an der „Rheinischen Zeitung“ französischen kommunistischen Positionen nahe.

2. Paris, Frühjahr 1844: Proudhon

Marx besucht das „Republikanische Bankett“ und hört der Rede Proudhons vor Handwerkern und einigen Fabrikarbeitern zu. Proudhon bezeichnet das Eigentum als Diebstahl. Eigentum sei zwar ein Naturrecht, aber es greife notwendigerweise in die Freiheit, Gleichheit und die Sicherheit anderer ein. Es sei deshalb ein „antisoziales“ Naturrecht. „Ich verlange nicht, dass jeder am Eigentum teilhat. Ich verlange ganz einfach, dass es abgeschafft wird“, und unter Beifall: „Nieder mit dem Eigentum!“. Marx‘ Zwischenrufe, Eigentum sei eine Abstraktion, und, ob das private oder das modern-bürgerliche gemeint sei, werden von Proudhon nicht wirklich ernst genommen.

Nach der Rede wird Marx von Bakunin, der sich als Leser der „Jahrbücher“ vorstellt, mit Proudhon bekannt gemacht. Marx erinnert Proudhon an seine Frage nach der Definition von Eigentum als Diebstahl: „Wenn ich Eigentum stehle, was stehle ich dann? Den Diebstahl!“ Jenny ist es, die dem verdutzten Proudhon die Zirkelargumentation erläutert.

Biografische Grundlage. Die Rede wird nicht zufällig durch einen Zuhörer unterbrochen: Proudhon habe nur Handwerker begrüßt. Der Zwischenruf verdeutlicht den folgenreichen Umstand, dass Industriearbeiter im arbeitenden Volk damals erst eine kleine Minderheit bildeten.

Der Inhalt der Rede Proudhons ist dem Sinn nach authentisch, sie enthält wörtliche Formulierungen aus seinem berühmten Werk „Qu’est-ceque la proprieté?“ (Was ist das Eigentum?) von 1840. Marx hatte 1842, als er als Redakteur den Kommunismus-Vorwurf gegen die „Rheinische Zeitung“ zurückwies, erklärt, dass diese Ideen, „vor allem das scharfsinnige Werk Proudhons“, nur nach eingehendem Studium kritisiert werden könnten. In Paris trat er mit Proudhon in Kontakt, sie führten „lange, oft übernächtige Debatten“, wie Marx 1865 in seiner Würdigung Proudhons berichtet. Sein Vorwurf, Proudhons Eigentumsbegriff sei unhistorisch und beziehe sich nicht auf das „modern-bürgerliche“ Eigentum, stammt ebenfalls daher. Dort weist er auch, wenngleich nur nebenbei, auf den Zirkelschluss hin, dass Diebstahl als Verletzung des Eigentums das Eigentum voraussetze.

Bakunin blieb sein ganzes Leben mit Proudhon befreundet, den er wegen seiner Ablehnung des Staates als Anarchisten verehrte. Marx stand in den 1840er Jahren mit Bakunin in Kontakt; er nahm ihn 1847 in den Brüsseler Arbeiterverein auf. Später wurden sie entschiedene Gegner.

Hintergrund. Proudhon stammte als Sohn eines Küfers und einer Dienstmagd aus armen Verhältnissen. Mit seinem 1840 erschienenen Werk „Was ist das Eigentum?“ erregte er national und international Aufsehen. Proudhon schrieb Elend und Armut dem Eigentum zu, das im Widerspruch zu den Naturrechten Freiheit und Gleichheit stehe, weil es sie zerstöre. Im Unterschied zum „Besitz“ als einer gesellschaftlichen Funktion sei „Eigentum“ ein ungerechtes Privileg. Ein Recht auf Eigentum – vor allem an Grund und Boden – gäbe es nicht; es sei weder durch ursprüngliche Besitznahme noch durch Arbeit zu rechtfertigen. Daraus leitet er die Abschaffung des Eigentums zugunsten der Gleichheit der Löhne ab, und zwar aller Löhne, unabhängig von individueller Leistung oder Talent. Trotz grundsätzlich kommunistischer Konsequenzen seiner Anschauungen vertrat er kein alternatives Gesellschaftsmodell und suchte daher nicht nach sozialen Kräften, die das Eigentum mittels Überzeugung oder gewaltsam abschaffen könnten. Später favorisierte er gegenseitige nicht-staatliche Hilfe und direkten Warentausch zwischen Kleinproduzenten.

3. Paris, Ende August 1844: Engels und Marx bei Arnold
Ruge. „Deutsch-Französische Jahrbücher“

Engels besucht auf der Durchreise von England nach Barmen in Paris Arnold Ruge, um ihm Texte anzubieten. Ruge findet sie glänzend, könne sie aber nicht bezahlen. Er bemerkt abschätzig über Marx, dass der nie rechtzeitig mit seinen Texten fertig würde. Dieser tritt ein und fordert ausstehende Honorare für seine Artikel in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“. Ruge stellt ihm Engels vor, den Marx kühl fragt: „Haben wir uns nicht schon mal gesehen?“ Engels: „in Berlin“. Marx bleibt unfreundlich: „Sie waren sehr arrogant und haben das auch gezeigt“. Das Eis bricht erst, als sie sich gegenübersitzen. Engels bewundert Marx als „größten materialistischen Denker“ und nennt dessen Artikel „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ „genial“. Marx gibt das Kompliment zurück: „Ihre Arbeit über die arbeitende Klasse in England“ ist „kolossal“. Als Ruge zurückkommt, sind die beiden weg.

Biografische Grundlage. Das Zusammentreffen von Engels mit Marx Ende Juli 1844 war tatsächlich ihr zweites. Das erste fand allerdings nicht 1841 in Berlin, sondern 1842 in Köln statt. Als Engels ab September 1841 in Berlin seinen einjährigen Militärdienst absolvierte und in der Freizeit in Verbindung mit den Junghegelianern trat, war Marx schon ein halbes Jahr weg. Allerdings besuchte Engels im November 1842 auf der Durchreise nach England Marx in der Redaktion der „Rheinischen Zeitung“, wo es recht kühl zugegangen sein soll; Marx hatte damals gerade mit der extremen Fraktion der Berliner Junghegelianern, den so genannten „Freien“, gebrochen. Gleichwohl schrieb Engels aus England danach für die „Rheinische Zeitung“, darunter auch einen kurzen Beitrag mit dem Titel „Lage der arbeitenden Klasse in England“. Er hatte für die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ (nachfolgend: DFJ) zwei Beiträge verfasst, darunter die „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“, die Marx sehr schätzte. Ab Februar 1844 standen Marx und Engels in Briefwechsel, waren sich folglich in Paris nicht mehr ganz so fremd. Engels‘ Arbeit über die arbeitende Klasse in England, die das Prädikat „kolossal“ wirklich verdient, kann nur das Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ sein, das Ende Mai 1845 erschien, neun Monate nach dem Pariser Zusammentreffen. Die DFJ wurden in Paris erst zum Kauf angeboten, als Nachrichten über ihren erfolgreichen Schmuggel nach Deutschland vorlagen (März 1844). Wegen ihres finanziellen Misserfolgs wurden sie nicht fortgesetzt. Marx soll sein Honorar in Form von Belegexemplaren erhalten haben.

Hintergrund. Die DFJ enthalten 1844 zwei Artikel von Marx. Er befasst sich im ersten, „Zur Judenfrage“, mit dem Verhältnis zwischen rein politischer und allgemein menschlicher Emanzipation. Der Staat könne die Zustände der bürgerlichen Gesellschaft nicht verändern, da er aus ihr hervorgehe. Selbst im „vollendeten“ politischen Staat seien bürgerliche Gesellschaft und Privateigentum „nicht nur nicht aufgehoben, sondern sogar vorausgesetzt“. Im Staatsbürgertum trenne „der Mensch“ sein „Gattungswesen“ von sich ab; durch dessen Zurücknahme sei „menschliche Emanzipation“ möglich.

In „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“ geht Marx einen Schritt weiter und definiert als Träger der allgemein-menschlichen Emanzipation das Proletariat. Zwar proklamiere jede besondere Klasse ihre politische Befreiung als allgemeine Befreiung, wie es in Frankreich die Bourgeoisie getan habe. Aber die „deutsche Emanzipation“ sei nur noch als allgemein-menschliche überhaupt möglich. Bedingung dafür sei eine Klasse „mit radikalen Ketten“, die „sich nicht emanzipieren kann, ohne … damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren“.

Der Kommunismus wird in den DFJ nicht befürwortet. Im Gegenteil. In einem darin abgedruckten Brief „M. an R.“ (Marx an Ruge) distanziert sich M. von ihm als einer „dogmatischen Abstraktion“. Der Kommunismus, „wie ihn Cabet, Dézamy, Weitling etc. lehren“, sei eine „von seinem Gegensatz, dem Privatwesen, infizierte Erscheinung“; Aufhebung des Privateigentums und Kommunismus seien daher „keineswegs identisch“. Die Autorschaft des Briefes ist nicht sicher. Marx hat sich nie als Verfasser bezeichnet, weil er von Ruge „zurechtredigiert“ worden sei, der „allerlei Blödsinn hineingesetzt“ habe. Ruge nahm 1847 den Brief sogar in seine eigenen „Sämtliche Werke“ auf. Darum gibt der Brief nicht zwingend die Marxsche Position wieder.

4. Paris, Ende August 1844: Literarische Pläne. „Ökonomisch-Philosophische Manuskripte“

Beim Schachspiel in einem Café rät Engels Marx, die englischen Ökonomen zu lesen, vor allem Smith und Ricardo. Philosophische Kritik sei zwar maßgebend, aber die Ökonomie sei die „Grundlage für alles“. Marx kann noch nicht Englisch. Er informiert Engels über seinen Bruch mit Ruge. Er werde seine Texte nun dem „Vorwärts“ geben. Auf dem Heimweg teilt Marx, angetrunken, Engels seine aus ihrem Gespräch gewonnene Erkenntnis mit: „Bis jetzt haben alle Philosophen die Welt nur interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Auf die Frage nach dem Wie fällt Marx Proudhon ein.

Am nächsten Morgen findet Jenny den aufgewachten Engels im Wohnzimmer vor. Marx erklärt ihr, dass sie beide eine gemeinsame Schrift planen, eine Abrechnung mit der Berliner Clique der „kritischen Kritiker“ um Bruno Bauer. Jenny schlägt als Titel vor: „Kritik der kritischen Kritik“.

Biografische Grundlage. Ende August 1844 war Marx kein Laie auf ökonomischem Gebiet mehr. Er war selber zur Erkenntnis gelangt, dass die ökonomischen Verhältnisse in der Gesellschaft die bestimmenden sind und hatte seit Mai ökonomisch-philosophische Manuskripte verfasst, auf Basis der modernen Ökonomen, insbesondere von Adam Smith (noch nicht von Ricardo). Er exzerpierte allerdings nur aus französischen Übersetzungen, so dass Engels‘ Rat, die Originale zu studieren, Sinn macht. Dass Marx auf dem nächtlichen Heimweg die 11. Feuerbachthese eingefallen sein soll – sei‘s drum. Man kann es ja nicht völlig ausschließen.

Zu Jenny Marx: Sie befand sich während Engels‘ Aufenthalt nicht in Paris, sondern mit ihrer kleinen Tochter in Trier.

Der deutschsprachige „Vorwärts“, der ab Januar 1844 in Paris zwei Mal wöchentlich erschien, war ein gemäßigt-politisches Blatt gewesen, bevor im Mai die Redaktion von Publizisten übernommen wurde, die mit Marx befreundet waren und die Zeitung radikalisierten. Marx machte darin Ende Juli seinen Bruch mit Ruge öffentlich, indem er dessen Abwertung des schlesischen Weberaufstands als bloßer Hungerrevolte entgegensetzte, dass die Weber ein „Bewusstsein über das Wesen des Privateigentums“ bewiesen hätten, was sicherlich eine Überbewertung gewesen ist. Als der „Vorwärts“ ein missglücktes Attentat auf den Preußischen König bedauerte, wurde er unter Druck der Preußischen Gesandtschaft verboten. Mehrere Autoren, darunter Ruge und Marx, erhielten Ausweisungsbefehle. Marx konnte seinen nicht abwehren. Er ging mit Familie nach Brüssel, wohnte dort die nächsten drei Jahre.

Hintergrund. Die Rolle des Proletariats als des allgemein-menschlichen „Emanzipators“ war in den DFJ eher eine philosophische Ableitung gewesen, keine wirkliche, gar ökonomische Begründung. Marx erster Versuch dazu sind „Ökonomisch-Philosophische Manuskripte“, die er ab Mai 1844 niederschrieb. Diese enthalten u.a. auch eine Bewertung des Kommunismus.

Im Hauptteil der (nicht vollständig erhaltenen, 1932 erstmals publizierten) Schrift exzerpiert Marx englische Ökonomen, vor allem Adam Smith, entlang der Einkommensformen der drei Grundklassen: Arbeitslohn, Profit, Grundrente. Seine Kommentare drehen sich um die „verheerenden“ Auswirkungen auf die Lage des Arbeiters, der „zur elendsten Ware herabsinkt“. Ausgangspunkt seiner Grundsatzkritik an den Ökonomen ist, dass ihre sämtlichen Gesetze nur Ausdrucksformen des Privateigentums seien. Da sie das Privateigentum als natürlich voraussetzen, begreifen sie diese Gesetze nicht und können nicht zeigen, wie sie aus dem Wesen des Privateigentums hervorgehen.

Der Ursprung des Privateigentums ist nach Marx die „entfremdete Arbeit“, nämlich die Entfremdung des Menschen von seinem Produkt, vom Akt der Produktion und von seinem „Gattungswesen“. Es zeige sich, dass „wenn das Privateigentum als Grund, als Ursache der entäußerten Arbeit erscheint, es vielmehr eine Konsequenz der selben ist“. Die These, entfremdete Arbeit als Ursache des Privateigentums, nicht als seine Folge zu begreifen, wird im Manuskript (soweit überliefert) nicht ausgeführt. Zwar stellt Marx noch die naheliegende Frage: „Wie kommt der Mensch dazu, seine Arbeit zu entfremden?“ und nähert sich damit seiner späteren historischen Sichtweise. Aber er nimmt das Thema im Manuskript – und auch in der Folgezeit – nicht wieder auf.

Neu ist eine differenzierte Bewertung des Kommunismus als Ziel der „Arbeiteremanzipation“. Marx bezeichnet ihn als „positive Aufhebung des Privateigentums“. Er sei die „Aneignung des menschlichen Lebens“, die Aufhebung „aller Entfremdung“. Dies gilt aber nur für die zweite Form des Kommunismus. Die erste Form sei der „rohe“ Kommunismus, der Talent und Persönlichkeit negiere, der eine Rückkehr sei „zur unnatürlichen Einfachheit des armen, rohen und bedürfnislosen Menschen, der nicht über das Privateigentum hinaus, sondern noch nicht einmal bei demselben angelangt ist“. Marx ordnet den beiden Formen des Kommunismus keine Namen zu. Es lässt sich vermuten, dass er die rohe Form nicht für sich reklamierte. Euphorisch schließt er: „Der Kommunismus ist die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der nächsten Zukunft“.

5. Paris, September 1844: Kritik der kritischen Proudhon-Kritik. Die „Heilige Familie“

Während Proudhon vom Maler Courbet porträtiert wird und über die Kunst der Zukunft redet, spielt Marx mit Bakunin Schach. Er stellt Proudhon seinen „Freund“ Friedrich Engels vor und teilt ihm ihre geplante Veröffentlichung mit, worin sie ihn gegen die Kritik deutscher Philosophen verteidigen wollen. Marx erläutert den Ansatz: „Sie haben zwei Herzen in der Brust“, den „kritischen“ Proudhon, der in abstrakten Kategorien denkt, und den „tatsächlichen“, der das wirkliche Elend sieht. „Wir verteidigen den zweiten; denn Sie sagen: Nichts zu besitzen, ist keine abstrakte Kategorie, das ist eine Tatsache. Wer nichts hat, zählt nichts. Das Geld macht seinen Wert aus.“ Marx lobt: „Deshalb haben sie zu Recht das ökonomische System analysiert. Die sozialistischen Autoren vor ihnen haben es nicht getan.“ Und: „Ihr Buch ist das erste wissenschaftliche Manifest des französischen Proletariats.“

Biografische Grundlage. Im September 1844 waren alle Beteiligten (Marx, Engels, Proudhon und Bakunin) in Paris anwesend, so dass das Treffen möglich war. Die Sätze von Marx sind authentisch; es sind Originalzitate aus der angekündigten Schrift „Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik“. Courbet hat Proudhon tatsächlich gemalt, wenn auch erst 1865.

Hintergrund. Die „Heilige Familie“ (August bis November 1844) war ursprünglich als eine Spottschrift gedacht, für die Engels noch bei seinem zehntägigen Pariser Aufenthalt sieben kleine Kapitel beisteuerte. Marx machte, zu Engels‘ Verwunderung, ein umfangreiches Buch daraus, das der geringen Bedeutung der „kritischen Kritik“ kaum angemessen war. Der erste Marx-Biograf Franz Mehring urteilte, dass manche Kapitel „die Geduld des Lesers auf eine harte Probe“ stellen. Doch in der Auseinandersetzung mit der Kritik an Proudhons „Was ist das Eigentum?“ finden sich längere Passagen, die Neues im Marxschen Denken markieren.

Marx betont, dass der „tatsächliche“ Proudhon eine wirkliche Wissenschaft der Nationalökonomie möglich gemacht habe, indem er das Privateigentum einer „entschiednen, rücksichtslosen und zugleich wissenschaftlichen Prüfung unterworfen habe“, und zwar nicht „diese oder jene Art des Privateigentums, sondern das Privateigentum schlechthin“. Dabei sei Proudhon von der „Tatsache der Armut, des Elends“ ausgegangen, die er durch die „Bewegung des Kapitals“ (sic!) erzeugt wisse. In diesem Zusammenhang geht Marx auf die „weltgeschichtliche Rolle“ des Proletariats ein. Erstmals sieht er sie in der ökonomischen Entwicklung begründet, darin, dass das Privateigentum in seiner „unabhängigen, bewusstlosen“ Entwicklung das „seines Elends bewusste Elend“, die „sich selbst aufhebende Entmenschung“ erzeugt. Das Proletariat ist zur Empörung gegen diese Unmenschlichkeit gezwungen und muss sich selbst befreien. Marx bekräftigt die in „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“ konstatierte Einheit von proletarischer und allgemeiner Befreiung: Das Proletariat „kann seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft … aufzuheben“. Zu Konzepten des Kommunismus äußert sich Marx in der „Heiligen Familie“ nicht.

Die später verworfenen Begriffe „Selbstentfremdung“ „der“ Mensch, kommen in der „Heiligen Familie“ zwar noch vor, sind aber in den Hintergrund getreten. „Entfremdete Arbeit“ wird nicht erwähnt.

6. Marx und Engels, Juli 1845: Reise nach England. Der Bund der Gerechten

Jenny ermuntert ihren Mann, Engels‘ Einladung nach London anzunehmen, um Mitglieder des Bundes der Gerechten, darunter den „Schneider Weitling“, zu treffen. In London angekommen, stellt Mary Burns Marx und Engels den Führern des Bundes vor. Ihr Sprecher Moll ist sehr reserviert, da die Besucher nicht zu den „Menschen gehören, die von harter Arbeit geformt und gestählt“ wurden. Marx deutet auf die Losung des Bundes „Alle Menschen sind Brüder“ und schlägt vor: „Lehnen Sie uns ab, wenn wir nicht von Nutzen sind“. Weitling schneit herein und brüstet sich mit einer Vortragsreise nach Brüssel über die Abschaffung des Geldes. Er zeigt sein von Gefängnisketten gezeichnetes Bein: „Aber meine Seele haben sie nicht brechen können“. Moll weist ihn zurecht, dass es sich hier um keine Kundgebung handle. Marx bietet Brüssel als belgischen „Brückenkopf“ des Bundes an und bringt seine guten Kontakte mit Proudhon ins Spiel, was offenbar beeindruckt.

Biografische Grundlage. Mitte Juli 1845 reisen Marx und Engels von Brüssel für sechs Wochen nach England, zunächst nach Manchester, wo Marx englische Ökonomen (im Original) liest. Engels trifft Mary Burns wieder, die mit ihm für ein Jahr nach Brüssel mitkommen wird. Die letzten beiden Wochen sind Marx und Engels in London und treffen u.a. Vertreter der Massenpartei der Chartisten, die fast 40.000 Mitglieder zählt. Engels führt Marx auch beim Bund der Gerechten ein. Über dieses Treffen ist wenig bekannt. Vorbehalte im Bund gegenüber Intellektuellen sind naheliegend, der Vorwurf der „Gelehrten-Arroganz“ fällt auch später noch, als Marx und Engels mit der Bundesführung eng kooperieren. Die Vorbehalte sind bei Weitling viel stärker ausgeprägt als bei den drei Londonern, die zu Vorträgen und Vorlesungen in ihrem Arbeiterverein regelmäßig „Gelehrte“ einladen. Weitling hielt sich seit 1844 in London auf. Heinrich Heine hat darüber geschrieben, wie er erschrak, als ihm der „famose Weitling“ sein von Ketten gezeichnetes Bein zeigte.

Hintergrund. Der Bund der Gerechten entstand 1836 in Paris, getragen von wandernden und sesshaften deutschen Handwerksgesellen, die in Paris zahlreich vertreten waren. Von den Schreinern, Schneidern und Schuhmachern in Paris soll die Hälfte Deutsche gewesen sein. Zentrale Forderung des geheimen Bundes war, wie bei den französischen Utopisten, die Gütergemeinschaft (communauté des biens). Der Schneidergeselle Wilhelm Weitling wurde mit der Abfassung eines Programms beauftragt, das 1838/39 unter dem Titel „Die Menschheit wie sie ist und wie sie sein sollte“ erschien und die Gütergemeinschaft bis in alle Einzelheiten beschrieb. In seinem Hauptwerk, den „Garantien der Harmonie und Freiheit“ (1842) stellte er der Schilderung der Gütergemeinschaft die „gesellschaftlichen Übel“ voran, die sie beseitigen würde und deren Wurzel er im Eigentum sah. Anders als der populäre französische Utopist Étienne Cabet, der Musterkolonien innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung befürwortete, trat Weitling für eine „soziale Revolution“ durch das Volk ein. Außer der klaren Absage an eine „politische Revolution“ der „Reichen“, die den „Arbeitern und Armen“ nichts nütze, blieben seine Gedanken über den Umsturz recht allgemein: Er sei jederzeit möglich, wenn dem Volk der „Geduldsfaden reißt“.

Bereits 1839 erlitt der Bund einen schweren Rückschlag. Er wurde aufgelöst wegen der ihm vorgeworfenen Mitwirkung an einem gescheiterten Putsch französischer Geheimgesellschaften. Weitling ging 1841 von Paris in die Schweiz, wo er bis zu seiner Verhaftung 1843 agitierte, neue Bundesgemeinden gründete und die Zeitschrift des Bundes herausgab. Der Sitz des Bundes („Zentralbehörde“) wurde 1840 nach London verlegt, wo Vereins- und Versammlungsfreiheit bestand. Die führenden Köpfe waren die aus Paris geflüchteten Gründungsmitglieder des Bundes Karl Schapper (Schriftsetzer), Heinrich Bauer (Schuhmacher) und Joseph Moll (Uhrmacher), die unter dem Motto „Alle Menschen sind Brüder“ einen Arbeiterverein gründeten, der bald nicht nur deutsche Mitglieder umfasste, sondern auch Arbeitsemigranten aus anderen europäischen Ländern.

Die reorganisierte Bundesgemeinde in Paris wurde von Hermann Ewerbeck (Arzt) und German Mäurer (Sprachlehrer) geleitet – eben dem Mäurer, bei dem die Familie Marx anfangs wohnte. Marx pflegte auch mit Ewerbeck Kontakt, der als Leser der DFJ seinerseits an dem radikalen Philosophen interessiert war. Engels wurde 1843 in England mit den Londoner Führern des Bundes bekannt. Obwohl ihm und Marx unabhängig voneinander die Mitgliedschaft angetragen wurde, lehnten sie damals ab. (Sie traten erst Anfang 1847 ein.) Engels räumte 1885 ein: „Ich trug ihrem bornierten Gleichheitskommunismus damals noch ein gut Stück ebenso bornierten philosophischen Hochmut entgegen“.

Als Weitling 1844 nach zehnmonatiger Haft in der Schweiz in London eintraf, stieß er auf eine durch ihren Arbeiterverein selbstbewusst gewordene Zentralbehörde. Auf dem Kontinent hatte er zwar zahlreiche Anhänger, die ihn als Führer nicht nur akzeptierten, sondern regelrecht verehrten. Für die moderne Arbeiterbewegung jedoch, die sich in England im Zuge der industriellen Revolution formierte, hatte der „Handwerkerkommunist“ wenig Verständnis. Seine Überlegungen gingen sogar in die Gegenrichtung, indem er verelendete Menschen, die aus Not zu Dieben und Plünderern geworden waren, in den Umsturz einzubeziehen vorschlug. Ewerbeck hatte Weitlings Überlegung, „zwanzigtausend mutige pfiffige Kerle“ zu gewinnen, scharf kritisiert, auch wenn er zugab, dass „Proudhon ganz recht hat, dass Eigentum etwas Gestohlenes“ sei. Ein anderes, nicht näher bekanntes Pariser Führungsmitglied wollte von Weitling gehört haben, der Bund solle „an der Spitze einer Bande von 90.000 Halunken“ den Umsturz durchführen. Schapper in London war über Weitlings Vorschlag besorgt. Er fürchtete, „statt des Kommunismus würde der schmachvollste Militärdespotismus ihr Resultat sein“. Weitlings Aktionismus stieß in London auf Ablehnung, auch deshalb, weil dort die Konzentration auf bloße Aufklärung viele Anhänger hatte. Weitling verließ enttäuscht London und kam 1846 nach Brüssel, wo Marx und Engels parallel zum Bund der Gerechten ein „Kommunistisches Korrespondenz-Komitee“ gegründet hatten.

7. Brüssel, 30. März 1846: Bruch mit Weitling. Die „Deutsche Ideologie“

Auf einem politischen Treffen wird über eine verständliche „Doktrin“ für Arbeiter beraten, die keine Zeit zum Studieren haben. Weitling stimmt dem Vorhaben zu und schlägt als einfaches Ziel das „Glück des Volkes“ vor. Marx fordert von ihm statt Schwärmerei eine theoretische Grundlage. Weitling lehnt „neue“ Theorien ab. Denn „um die Tyrannei der Bourgeoisie zu beenden, genügen 100.000 bewaffnete Proletarier unter Beistand von 40.000 Kriminellen“. Marx nennt das ein unehrliches Spiel – ein inspirierter Prophet auf der einen Seite und Schwachsinnige auf der andren. Die Arbeiter müssten wissen, wofür sie kämpfen: „Ignoranz hat noch nie jemandem genützt“. Weitling empört sich: „Ich werde das erste Opfer der Guillotine sein, dann seid ihr an der Reihe, deine Freunde, und zum Schluss schneidest du dir selber den Hals ab.“

Biografische Grundlage. Am 30. März 1846 tagte in der Brüsseler Wohnung von Marx das Anfang des Jahres gegründete „Kommunistische Korrespondenz-Komitee“ unter Beisein von Weitling. Dieser war nach Brüssel gekommen, um mit dem Komitee zusammenzuarbeiten. Das war keine gute Idee gewesen, denn Marx und Engels lehnten noch entschiedener als die Londoner Bundeszentrale willkürliche Aktionen ab. Sie waren im Laufe ihrer Arbeit an der „Deutschen Ideologie“ zur Überzeugung gelangt, dass Kommunismus nicht heißen konnte: Aushecken eines vollkommenen Gesellschaftsideals, sondern: Einsicht in die gesellschaftliche Entwicklung, um Voraussetzung und Reife für die Durchsetzung einer kommunistischen Regelung der Gesellschaft bestimmen zu können. Diese konnte ihrerseits nur das Werk des modernen Industrieproletariats sein, nicht deklassierter Schichten, die sich nach alten Zunftzeiten zurücksehnten.

Über die Sitzung liegt die bei Enzensberger 1973 zitierte Erinnerung des eher zufällig anwesenden Pavel Annenkow vor, mit der die Filmszene großenteils übereinstimmt. Weitlings Ausruf über die Opfer der Guillotine findet sich darin allerdings nicht; ebenso wenig die „100.000 Proletarier und 40.000 Kriminellen“, die sicher erwähnt worden wären, hätten sie eine Rolle gespielt. Ihr Kontext ist (siehe vorigen Abschnitt) die Kontroverse innerhalb der Bundesführung über Weitlings Umsturzpläne. Weitling selber beklagt sich in einem Brief an Moses Heß am folgenden Tag auch, dass sich Marx für die Unterstützung der Bourgeoisie ausgesprochen habe; diese solle zuerst an die Macht gelangen, weil der Kommunismus in absehbarer Zeit nicht möglich sei. Dies habe er zurückgewiesen. 1846 ging Weitling für zwei Jahre nach Amerika, wo er, mit Unterbrechung durch die 1848er Revolution, bis zum Lebensende bleibt. Nebenbei sei zur Filmszene angemerkt, dass der Begriff „Doktrin“ von Marx oder Engels nie im positiven Sinn gebraucht worden wäre.

Hintergrund. Die „Deutsche Ideologie“ (erste Teilveröffentlichung 1926) ist eine gemeinsame Arbeit von Marx und Engels, die nicht nur polemische Kritiken à la „Heilige Familie“ enthält (wenngleich sie wiederum großen Platz einnehmen), sondern auch die positive Darlegung ihrer neuen Auffassung der Geschichte. Diese wurde im Wesentlichen zwischen November 1845 und März 1846 entwickelt, und zwar in Auseinandersetzung mit Ludwig Feuerbach, von dessen abstrakten Kategorien wie „der Mensch“ sie sich gleich zu Beginn ausdrücklich und endgültig trennen, weil sie von den „wirklichen historischen Menschen“ ausgehen wollen.

Im Verlauf der Arbeit werden die zentralen Begriffe „Produktivkräfte“ und die ihrer Entwicklung entsprechenden – oder widersprechenden – „Verkehrsformen“ (ab „Elend der Philosophie“: „Produktionsverhältnisse“) eingeführt, die eine bestimmte historische Produktionsweise bilden, welche wiederum die „Basis“ des Staates und der „sonstigen idealistischen Superstruktur“ ist. Für Marx und Engels sind Stammeigentum, antikes, feudales und bürgerliches Eigentum historisch aufeinander folgende Entwicklungsstufen, deren Zusammenhang darin besteht, dass „an die Stelle der früheren, zur Fessel gewordenen Verkehrsform eine neue, den entwickelteren Produktivkräften entsprechende gesetzt“ wird. Für den Kommunismus gilt dasselbe Prinzip: Das Privateigentum ist für „gewisse industrielle Stufen“ notwendig; seine Aufhebung wird „erst möglich“, wenn es zur Fessel der Produktivkräfte geworden ist. Andererseits ist für den Kommunismus „diese Entwicklung der Produktivkräfte (...) auch deswegen eine absolut notwendige Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert“ würde. Die Entwicklung der Produktivkräfte bereitet insofern nicht nur die kommunistische Gesellschaft materiell vor, sondern erzeugt mit dem wachsenden Proletariat zugleich die Kräfte zu ihrer Errichtung, wofür, und das wird ausdrücklich hervorgehoben, das Proletariat „zuerst die politische Macht erobern muss“.

8. Brüssel, Mai 1846: Absage Proudhons. Das „Elend der Philosophie“

Marx und Engels warten nervös auf Proudhons Zusage, für den Bund der Gerechten französischer Korrespondent zu werden, worum Marx ihn brieflich gebeten hatte. Proudhon lehnt ab und begründet das mit Zeitmangel, will aber keinen Abbruch der Diskussion. Er warnt Marx davor, nicht wie Luther zu verfahren, der zwar katholische Dogmen zerstört, aber dafür neue verbreitet habe. Wie zufällig drückt er Marx sein neues, zweibändiges Werk in die Hand: „Philosophie de la misère“.

Biografische Grundlage. Die Szene setzt den Briefwechsel zwischen Marx und Proudhon (Marx: 5. Mai 1846; Proudhon: 17. Mai 1846) in einen authentischen Dialog um, mit Originalzitaten aus Proudhons Antwortbrief. Insofern ist es irrelevant, dass Marx Proudhons Buch erst im Dezember erhielt. Er verfasste umgehend eine Kritik - zielgruppengerecht auf Französisch. Den Titel „Philosophie de la misère“ drehte er ironisch um in „Misère de la philosophie“. Das Buch ist wieder eine polemische Auseinandersetzung, allerdings nicht so weitschweifig und kleinlich wie die „Heilige Familie“. Die Polemik gibt Marx immer wieder Gelegenheit, eigene Erkenntnisse zu präsentieren. Diese betreffen sowohl die Auffassung der Geschichte, entworfen in der „Deutschen Ideologie“, als auch die Ökonomie, deren Kenntnisse er seit den Pariser Manuskripten von 1844 wesentlich vertieft hat.

Hintergrund. Anlass für geschichtsphilosophische Bemerkungen ist die Auffassung u.a. Proudhons, die bürgerlichen Einrichtungen seien natürliche, die des Feudalismus künstliche. Dagegen setzt Marx, dass beide einem bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte entsprechen und daher abgelöst werden, wenn die Stufe erreicht ist, „auf der die bereits erworbenen Produktivkräfte und die geltenden gesellschaftlichen Einrichtungen nicht mehr nebeneinander bestehen können“. In dem Maße, wie die Bourgeoisie die modernen Produktivkräfte entwickelt, entwickeln sich in ihrem Schoß sowohl das moderne Proletariat als auch die materiellen Bedingungen zur „Befreiung des Proletariats und zur Bildung einer neuen Gesellschaft“.

Was die Ökonomie betrifft, so schwebt Proudhon eine egalitäre Anwendung der Wertbestimmung durch die Arbeit vor, dergestalt, dass die einzelnen Privatproduzenten im Austausch ihrer Produkte die aufgewendete Arbeitsmenge vollständig zurück erhalten. Das werde gegenwärtig verhindert durch die „organisierte und legalisierte Beraubung“ seitens der Eigentümer, deren Macht auf der Rolle des Geldes für den Tauschakt gründe. Das führe zu ungerechter Entlohnung und erzeuge auf der einen Seite Elend und auf der anderen Einkommen ohne Arbeit. Tausch sei auch ohne Geld möglich, die Produkte seien selbst unmittelbar austauschbar, wenn die Arbeitszeit im Voraus bekannt sei.

Gegen diese Auslegung der Werttheorie führt Marx drei Argumente an: 1.) Der Wert der Arbeit, wie auch Marx den Arbeitslohn nennt, ist nicht dasselbe wie der durch die Arbeitsmenge bestimmte Warenwert. Die vollständige Erstattung der geleisteten Arbeit durch den Lohn ist nicht möglich. 2.) Die „gegenwärtige Organisation der Produktion“ bedarf eines besonderen Austauschmittels. Nicht „jede Ware“, nur das Geld ist stets austauschbar. 3.) Individuelle Arbeitsmengen sind nur ausnahmsweise gleichwertig, weil nicht die tatsächliche, sondern die notwendige Arbeitszeit den Wert bestimmt.

Die Marxschen Argumente stützen sich ganz auf Ricardo und reichen für die Kritik an Proudhon aus. Sie teilen aber auch Ricardos Schwächen, die Marx viele Jahre später überwinden wird. Erstens: Geld ist nicht einfach ein Hilfsmittel für den Tausch, wie Ricardo als Quantitätstheoretiker annimmt, sondern gründet in der Wertform der Ware, genauer in ihrer allgemeinen Äquivalentform. Geld ist die Naturalform, mit der die Äquivalentform „gesellschaftlich verwächst“ – damals meist Gold. Zweitens: Der Begriff „Wert der Arbeit“ ist irreführend, denn die Arbeit hat keinen Wert, sie bildet Wert. Es ist die Arbeitskraft, die einen Wert hat (in Form des Arbeitslohns auch einen Preis), und der niedriger ist als der Wert des gebildeten Produkts. Nur diese begriffliche Klarheit erlaubt die Erklärung von Mehrwert bei gleichwertigen Warentausch („Wertgesetz“). Hinzu kommt, dass Marx Engels folgte, der den „Wert der Arbeit“ quantitativ dem Minimum des Lohns gleichsetzte, was dauerhafte Bezahlung unter Wert impliziert und ebenfalls mit dem Wertgesetz nicht vereinbar ist.

9. London, November 1847: Kongress des Bundes der Kommunisten

Am Rande des Kongresses erfährt Engels, dass er kein Rederecht hat, weil er nur delegiert, nicht aber akkreditiert sei. Er verlangt eine Abstimmung und gewinnt sie, auch deswegen, weil entgegen der Gepflogenheiten nicht zuerst die Ja-Stimmen, sondern die Nein-Stimmen aufgerufen wurden. Seine Rede über künftige „gewaltige Kämpfe“ wird unterbrochen (von Hermann Kriege), der von „Güte, Brüderlichkeit und Freundlichkeit“ schwärmt. Engels akzeptiert den Einwand, aber nur für die Beziehungen innerhalb des Bundes. Im Verhältnis zwischen Bourgeoisie und Arbeiter dagegen gäbe es keine Brüderlichkeit. Die Bourgeoisie sei nicht mit Güte zu erobern. „Sie sind nicht Brüder, sondern Feinde“. Aufkommende Hochrufe für Weitling und Proudhon bringt Marx mit der Bemerkung zum Verstummen, dass Weitling aufgegeben habe und Proudhon Frankreich nicht verlasse. Engels hält das Buch „Elend der Philosophie“ hoch und zitiert mit nicht geringem Pathos, dass der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie eine totale Revolution bedeute, in der das Proletariat nicht nur sich, sondern die ganze Menschheit befreie. „Diese Freiheit trägt den Namen Kommunismus“. Bei diesen Worten stürmen die Schwestern Mary und Lizzy Burns aufs Podium und ersetzen das Banner „Alle Menschen sind Brüder“ durch „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“. Engels lässt über seinen Vorschlag abstimmen, den Bund der Gerechten in Bund der Kommunisten umzubenennen (die Ja-Stimmen zuerst!). Eine klare Mehrheit hebt die Hände.

Biografische Grundlage. 1847 fanden in London zwei Kongresse des Bundes statt. Am ersten (2.-9. Juni 1847) nahm Engels teil, Marx mangels Reisegeld nicht. Der Kampfruf „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ wurde zur neuen Losung des Bundes, der sich in „Bund der Kommunisten“ umbenannte (ohne Mithilfe der Burns-Schwestern). Neue Statuten wurden beraten. Auf dem zweiten Kongress (29. November bis 8. Dezember 1847) wurden die Statuten beschlossen, und Marx und Engels wurden mit der Ausarbeitung eines Programms beauftragt, aus dem schließlich das „Manifest der Kommunistischen Partei“ wurde. Der Film fasst beide Kongresse zu einem Ereignis zusammen, so dass auch Marx gezeigt werden kann, der ja nur an einem der beiden Kongresse teilnahm. Die Zentralbehörde hatte ihn am 18. Oktober dringend gebeten, zum zweiten Kongress zu erscheinen. Die wesentlichen Resultate der beiden Kongresse, die zusammen achtzehn Tage dauerten, werden im Film prägnant auf den Punkt gebracht. Engels‘ Rede deckt sich sinngemäß und teilweise wörtlich mit dem Schluss des „Elends der Philosophie“.

Die Abstimmung über Engels‘ Rederecht ist verbürgt; allerdings fand sie nicht in London statt, sondern bereits in Paris bei der Delegiertenwahl für den ersten Kongress. Engels‘ Kandidatur war umstritten - wegen des Widerstands von Anhängern Weitlings und sich auf Proudhon berufender „wahrer“ Sozialisten. Die Intrige mit den „Gegenstimmen zuerst“ sicherte Engels, einem Bericht des ihm befreundeten Diskussionsleiters Stephan Born zufolge, die knappe Mehrheit.

Hintergrund. Das „Manifest der Kommunistischen Partei“, das Marx Ende Januar 1848 endgültig fertigstellt (auf der einzigen erhaltenen Originalseite findet sich auch die Handschrift von Jenny Marx), spiegelt in den theoretischen Passagen des entscheidenden ersten Kapitels („Bourgeois und Proletarier“) die in der „Deutschen Ideologie“ und dem „Elend der Philosophie“ entwickelte Geschichtsauffassung wider. Diese Erkenntnisse, die in jenen Texten mehr oder weniger verstreut und außerdem entweder gar nicht oder nur einem kleinen französischen Publikum öffentlich zugänglich waren, entfalten ihre enorme Wirkung durch die Einordnung in eine stringente Argumentation.

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Durch die Reorganisation des Bundes der Gerechten und seine Umwandlung in eine kommunistische politische Partei mit demokratischen Statuten und einem klaren Programm standen Marx und Engels und ihre nächsten Anhänger allerdings vor einem Dilemma. Das „Manifest“ zielte im gesamten Text auf das moderne Industrieproletariat als der einzigen „wirklich revolutionären Klasse“, der gegenüber die „übrigen Klassen“ verkommen und mit der großen Industrie untergehen. So richtig diese Aussagen im Großen auch sind, sie bildeten empirisch einen unübersehbaren Gegensatz zur sozialen Zusammensetzung der Mitgliedschaft. Nach wie vor stellten vorindustrielle Handwerker die Mehrheit, entsprechend der rückständigen wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Herkunftsländer. Die zahlreichen „Weitlingianer“ und Anhänger der „wahren Sozialisten“ und anderer kommunistischer Ideen malten sich viel lieber die Gütergemeinschaft aus, als sich mit Revolutionstheorie zu befassen. Die einheitliche Ausrichtung des neuen Bundes war noch nicht abgeschlossen, als – fast gleichzeitig mit dem Druck des „Manifests“ – die europäische Revolution ausbrach und neue, praktische Aufgaben auf die Tagesordnung der Kommunisten setzte.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 110, Juni 2017

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